atem
(omd. und vereinzelt els. auch ),
der
;
-s/–
.
1.
›Atem, Atmung, Atemtätigkeit, Atemzug, Hauch‹, auch von Tieren sowie von Gott gesagt; vereinzelt: ›Luftstrom‹; als Synekdoche: ›Leben, Lebenstätigkeit‹; generell in besonderem Maße offen zu 2.
Phraseme:
einen schweren / bösen a. haben
(eine durch Entzündung der Luftwege oder der sie umgebenden Organe hervorgerufene Krankheit);
jm. den a. lassen
›jm. freies Spiel lassen‹;
a. im leibe haben
›Leben in sich haben‹;
keinen a. mer haben
;
kaum a. haben
;
den a. sparen
›etw. ruhig angehen‹;
alles, was a. hat
›alles, was lebt‹;
von jm. atems haben
›von jm. Wind kriegen‹;
mit einem a. fiel sagen
›mit wenig Worten viel sagen‹;
kurzer a., a. kurz sein, einen kurzen a. haben
(jeweils für Kurzatmigkeit);
bis an den lezten a. etw. tun.
Syntagmen:
(
den
)
a. verheben / kürzen, a. haben
(›leben‹) /
geben
(›Leben geben‹),
noch a. finden
(›noch Leben finden‹);
(der) a. eng / schwach sein, a. gehen
(als Zeichen von Leben) /
ausgehen
(als Zeichen für das Ende des Lebens),
a. jm. stehen
(dazu bdv.: ),
a. wörter zerbrechen
;
js. a. in der hand haben
;
mit dem a. blasen, etw.
(z. B.
feder
)
sich von dem a. rüren
(bei der Feststellung, ob der Tod eingetreten ist),
eine feder mit dem a. gerüren, durch den a. ein zeichen geben
;
a. des herren / menschen
;
lebens / herzen a.
;
grosser / gesunder / schwerer
(›keuchender‹) /
schneller a.
;
a. vom mund.

Belegblock:

Ziesemer, Proph. Cranc Jes.
30, 33
(
preuß.
,
M. 14. Jh.
):
der odem des herren als eyn swebilvliz ist sy enzundende.
Ebd. Dan.
5, 23
:
got, der dinen adem hat in sinir hant.
Wyss, Limb. Chron.
69, 21
(
mfrk.
,
2. H. 14. Jh.
):
di wile der den adem in sime libe hat.
Bömer, Pilgerf. träum. Mönch
6186
(
rhfrk.
,
um 1405
):
Fahß, adern odir puls an yme | Noch ahtem enfant ich zu male nicht.
Ebd.
7826
(
rhfrk.
,
um 1405
):
Von diesem horn get achtem gros; | Dan is wirt geblasen von eyme buche, ist gros.
Chron. Köln
2, 565, 38
(
Köln
1499
):
so si wat aedems hadden van dem buschof, vielen si an in.
J.W. von Cube. Hortus
123, 8
(
Mainz
1485
):
darvmb ist eß doden vñ kurtzen den athem vñ brenget groiß amecht.
Belkin u. a., Rösslin. Kreutterb.
104, 16
(
Frankf.
1535
):
Er ist guͦt dem bluͦtspeien des lungensüchtigen / dann es trücknet der lungen geschwer vnnd ist ein hilff so einem der athem eng ist von dem huͦsten.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob
12819
(
omd.
,
1338
):
Daz er verterbe was er wil, | Nach synem willen sunder spil | Diz leben und des lebens odem
[gen. def.] |
Zuet er zu im und den brodem.
Hübner, Buch Daniel
6692
(
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Mir ist des herzen odem | Entwischet in dirre stunt.
Gille u. a., M. Beheim
345, 32
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
von solcher crankait sachen | gieng ir der atam auss.
Sudhoff, Paracelsus
1, 49, 28
(
um 1520
):
Das aber kozen, enge des herzens, kurzer atem begegnen.
Cirurgia H. Brunschwig
31 vb, 3
(
Straßb.
[
1497
]):
von dem getreng vnnd atem des menschenn wart der klotz in die vsserstenn hut des buchs her für getribenn.
V. Anshelm. Berner Chron.
2, 134, 6
(
halem.
,
n. 1529
):
dass si biss an letsten aten wie die kaͤlber blaͤreten.
Adomatis u. a., J. Murer. Nab.
1070
(
Mühlh./E.
1556
):
Verlych mir sterck uff disen tag | Min aath ist schwach.
Barack, Zim. Chron.
2, 321, 20
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
das er schier kein attem mehr het.
Henisch
136
(
Augsb.
1616
):
So lang als jm der athem nicht außgehet / so hoff ich jmmer.
Klein, Oswald
5, 34
(
oobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
für singen hüst ich durch die kel, | der autem ist mir kurz.
Deinhardt, Ross Artzney
28
(
oobd.
,
1598
):
Wan ain pferdt ain schwärn atem hat.
Ebd.
49
:
Wan ain roß ain pessen aten hat.
Mollay, Ofner Stadtr.
237, 12
(
ung. inseldt.
,
1. H. 15. Jh.
):
sich eÿn feder ruret von dem Adem vor seynem mundt.
Lehmann, Rezeptb. A
3823
;
Neumann, Rothe. Keuschh.
2782
;
Kehrein, Kath. Gesangb.
2, 615, 11
;
Bihlmeyer, Seuse
285, 5
;
Vetter, Pred. Taulers
361, 1
;
Rieder, St. Georg. Pred.
29, 20
;
Sappler, H. Kaufringer
25, 79
;
Sudhoff, Paracelsus
7, 317, 1
;
Winter, Nöst. Weist.
2, 864, 20
;
4, 396, 40
;
Dasypodius
291v
;
Serranus
16v
;
17r
;
Maaler
30v
-31r;
207v
;
Hulsius A iijr;
Volkmar
612
;
Henisch
135
;
Dietz, Wb. Luther
121
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß
18
;
Schweiz. Id.
1, 587
-588;
Trübner, Dt. Wb.
1, 132
/33.
2.
›Atem, Atemluft, ein- und ausgeatmete Menge Luft, Hauch‹, auch von dem Atem Gottes und dem von Tieren gesagt; Metonymie zu 1.
Phraseme:
einen kurzen a. haben
›nichts bei sich behalten können, alles ausschwatzen‹;
des anderen a. nicht riechen mögen
›jn. nicht riechen können‹;
der a. nach etw.
(z. B.
schwert / geiz
)
stinken
›voll von etw. (z. B. Kriegsgier, Geiz) sein‹.
Bedeutungsverwandte:
,  2,  2, ; vgl. .
Syntagmen:
(den) a. entfahen / fassen / holen / enthalten / verhalten / verlieren, den a. durch die nase ziehen
;
a. (jm.) schmecken / stinken, unlust machen, a. aus dem hals gehen, schmak bären, von etw.
(z. B.
wein
)
schmecken
(›riechen‹);
a. des paradieses
;
fauler / feuchter / giftiger / stinkender / süsser a.
Wortbildungen:
atemfahung
1.

Belegblock:

Schottelius. HaubtSprache
849, 2
(
Braunschweig
1663
):
wenn man bey Lesung oder Abmessung des Reimes / ein wenig stille helt / gleichsam Athem holet.
Thiele, Minner. II,
28, 104
(Hs. ˹
md.
/
rhein.
,
1. V. 15. Jh.
˺):
want du weyst myns hertzen crych, | daz ich dir ye was onder daen | sint ich den ouͦden hadde ontfaen.
Spanier, Murner. Schelmenz.
35
Ü (
Frankf.
1512
):
Ein kurtzen athem haben. Wir lychnam frummen / trucknen knaben | gantz ein kurtzen athem haben, | Den er vns schier wil gar zerrinnen.
Luther, WA
30, 2, 213, 20
(
1530
):
Da sihestu offenberlich den moͤrdisschen, aufrurisschen, rachgirigen geist, dem der odem nach dem schwert stinckt.
Ebd.
33, 7, 33
(
1530
):
Dem gemeinen pöfel stinckt sein Adem nach dem geitz.
Karnein, Salm. u. Morolf
343, 2
(
srhfrk.
, Hs.
um 1470
):
Ein rore in das schifflin gieng, | dar durch Morolff den atum enpfing.
Sachs
14, 195, 16
(
Nürnb.
1551
):
Auch schmecket ir gar hart der atn.
Hubert, Straßb. lit. Ordn.
4, 9
(
Straßb.
1525
):
gott der herr macht den menschen vß staub der erden vnd blyeß in sein angesycht ein lebendigen athum.
Lemmer, Brant. Narrensch.
18, 18
(
Basel
1494
):
Wer tuͦn will das eym yeden gfalt | Der muͦß han ottem warm vnd kalt.
Enders, Eberlin
1, 30, 15
(
Basel
1521
):
Magst aber kein kosten mit dim kind haben, wie soͤllen es dann frembde thuͦn im kloster, do eins kaum mag deß anderen atum riechen.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
292, 30
(
oobd.
,
1349
/
50
):
auz pœsem luft und auz faulem âtem werdent priemen
[eine Fliegenart].
Deinhardt, Ross Artzney
284
(
oobd.
,
1598
):
Nimb ain stifel, der guet ist, das er atem nicht auß khan, vnd mach denn selben dem roß an den khopff.
Helm, H. v. Hesler. Nicod.
5156
;
Ziesemer, Proph. Cranc. Jes.
2, 22
;
Belkin u. a., Rösslin. Kreutterb.
84, 13
;
v. Tscharner, Md. Marco Polo
22, 12
;
Jahr, H. v. Mügeln
2429
;
Stedtfeld, Roger-Glosse S.
44
;
Thür. Chron.
15r, 18
;
Pyritz, Minneburg
1972
;
5075
;
Gille u. a., M. Beheim
451, 34
;
Roloff, Brant. Tsp.
360
;
Koppitz, Trojanerkr.
15947
;
Päpke, Marienl. Wernher
1073
;
5917
;
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
11, 29
;
85, 29
;
111, 11
;
247, 28
;
Turmair
1, 534, 3
;
535, 10
;
Dasypodius
291v
;
Schöpper
34b
;
Serranus
17r
;
Maaler
30v
/31r;
Hulsius A iijv;
Henisch
135
-136.