arzet,
arzt
(seltener
arzat
, vereinzelt
arzit, arzot, arzig
),
der
;
-(e)s
(vereinzelt auch
)
/-e
(meist + Uml.), auch
(teilweise mit Uml.), vereinzelt
-en/-en
, für
arzat
belegt:
-es/-Ø
, für
arzot
:
–/-e
, für
arzig
:
–/-en
;
philologisch-historische und etymologische Angaben: Kandler, Zur Sprachgeschichte d. Arztbegriffes. In: Therapeutische Berichte
1957, 366-375
und Öst. Wb.
1, 382
.
– Gehäuft obd. Texte.
1.
›Heilkundiger, Arzt‹; ein klar unterscheidbarer Gebrauch im Sinne von ›akademisch gebildeter Arzt‹ und ›(eher handwerklich tätiger) Wundarzt‹ ist nur in einigen Belegen erkennbar.
Zur Sache: Lex. d. Mal.
1, 1098-1101
; Hwb. dt. Abergl.
1, 609/10
.
Phraseme:
an dem a./den ä. liegen
›krank sein, medizinisch behandelt werden‹,
jn. an den a. füren
›jn. in ärztliche Behandlung bringen‹.
Syntagmen:
einen a. holen / bestellen / nemen / haben / berufen, den a. suchen
(›aufsuchen‹)
/ berichten / lonen / entrichten / betriegen, zu sich lassen, zum erben setzen, jn. einen guten a. nennen, jm. seinen a. verbergen, fiele ä.
(Pl.)
haben
;
a.
(Subj.)
arzeteien
(fig. etymologica),
a. etw. wissen / erkennen / merken / übersehen / bewaren / nemen / lästern / schänden / schmähen / loben / rat geben, a. geld haben, a. gelert / fegteufel / knecht der natur sein, a. jm. (für etw.) helfen
(mehrmals),
a. jn. heilen / unter handen haben / gesund machen, a. ein altes ferch neuen, eine cur anstellen, eine krankheit vertreiben / verursachen, eine salbe brauchen, einen hockerichten kirchhof machen, jm. das auge reinigen, a. klistiere geben, abgötter haben, a. des leibs warten, a. sich wo erhalten, sich in etw. verschulden, ob einer wunde gut sein
;
des a. bedürfen, jm. des a. not sein
;
dem a. nahen / folgen, dem a. in die hände kommen, dem a. etw. geben / misfallen, dem a. die mühe zalen, vererung tun, etw. dem a. eine schande sein
;
etw. ane a. heilen
;
sich unter die ä. begeben
;
zum a. kommen, etw. mit dem a. vertun, mit dem a. etw. haben, wunden mit dem a. belegen
(›beweisen‹),
vom a. etw. erleiden, bei dem a. rat fragen
;
haus / hilfe / meisterschaft / kunst / rede / verstand / lere / eid des a.
;
etw. in des a. gewalt stehen
;
a. der betreisen, a. am hof, a. one kunst, doktor der ä.
(Pl.);
guter
(mehrmals)
/ barmherziger / rechter / wissender / gelerter / verrümter / verständiger / treuer / alter / bewärter / erfarener / weiser / scharfer / frommer / leiblicher / geschworener
(mehrmals)
/ oberster / neuer / junger / fremder / schlechter / unwissender / unerfarener / ungeübter / falscher / unzeitiger / weicher / ungelerter / geschwätziger a.
Wortbildungen:
arzetschule
,
arzeteid
,
ärztisch
,
arzetstube
,
arzetwagen
;
augenarzet
,
busenarzet
,
fistelarzet
,
kuarzet
,
landarzet
,
leibarzet
,
lumpenarzet
,
judenarzet
,
kräuterarzet
,
marktarzet
,
orenarzet
,
pferdarzet
,
pulferarzet
,
rosarzet
,
schmierarzet
,
selenarzet
,
vieharzet
,
wundarzet
,
zanarzet.

Belegblock:

Ziesemer, Gr. Ämterb.
710, 10
(
preuß.
,
1450
):
der doctor der artzte hat 12 reynissch gulden.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
171, 7
(
thür.
,
1474
):
hat Heinrich Schilling solliche wunden met deme geswornen gerichtisknechte unde auch met deme geswornen artczte [...] beleget.
Luther. Hl. Schrifft.
Sir. 38, 15
(
Wittenb.
1545
):
WEr fur seinem Schepffer sündigt / Der mus dem Artzt in die hende komen.
Dazu Marginalie:
Betten hilfft mehr denn ertzneien / Vnd der Priester thut mehr denn der Artzt.
Gille u. a., M. Beheim
120, 463
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Wann die selb gross verczweivelt sucht pedarfft wal nach rehter genuht aines arczt künsten reiche.
Keil, Peter v. Ulm
79
(
nobd.
,
1453
/
4
):
ein gute salbe, die alle gelert ertzt gemeyniglichen prauchen.
Sudhoff, Paracelsus
1, 227, 11
(
um 1520
):
drumb sind die unwissenden arzet fegteufel von got zugesant uber den kranken, der wissent arzt uber die so got verhengt die stunt der gesuntheit.
Cirurgia H. Brunschwig
17ra, 4
(
Straßb.
[
1497
]):
Gat es aber zwischẽ die rip vñ doch nit in die hüle des libes so ist es eĩ cleine wũd / ob der artzet guͦt ist.
Tobler, Schilling. Bern. Chron.
1, 38, 3
(
whalem.
,
1468
):
das [...] me dann sechzig wund worden werent und an den arzeten legent.
Gilman, Agricola. Sprichw.
2, 205, 10
(
Augsb.
1548
):
Hoffgesinde / Ertzte und Juristen | Haben abgoͤtter / das seind ire kisten.
Rot
291
(
Augsb.
1571
):
Artz, kompt her von dem obgemelten wort arcirn. Ein verhuͤter / vertreiber der kranckheyten / gsundmacher / Medicus.
Chron. Augsb.
4, 422, 5
(
schwäb.
,
1495
):
daß kain artzet gruntlich darzuͦ kund, weder doctores noch ander artzet.
Ebd.
7, 486, 27
(
schwäb.
, zu
1563
):
da mueßten wir den zwaien doctorn geben jegclichem ain wochen zwen guldin: doctor Trennckle und doctor Schludy, auch dem artzet ain wochen zwen guldin.
Wintterlin, Würt. Ländl. Rechtsqu.
1, 219, 28
(
schwäb.
,
1567
):
Der arzt und balbierer ayd umb laibschaden.
Henisch
127
(
Augsb.
1616
):
Fistelartzet / der die fisteln curieren kan [...]. Leibartzt / Stattartzt / der die bethruͤsen heimsucht [...]. Marcktartzt / landfahrer / landstreicher / Steinschneider / vnd ander aͤrtzt / die von einem marckt zum andern herum̃ ziehen [...]. Keisers leibartzt / oberster artzt am Hoff [...]. Eines Fuͤrsten leibartzt der jnnerlichen kranckheiten [...]. Ohrenartzet / der an den ohren oder dem gehoͤr hilfft [...]. Roßartzt / Huffschmid / Vichartzt [...]. Wundartzt / der sich offen schaͤden / vnnd anderer maͤngel / so sich ausser deß leibs erzeigen / vnterfacht [...]. Zaͤnartzt / Zanbrecher.
˹Phras. Verbindungen, Redensarten u. Sprichwörter in Auswahl: Ebd.
128
ff.:
Alte badmutter / vnd alte aͤrtzt sind die besten. [...]. Weiche artzten machen faule wunden. [...]. Vnser Herr Gott ist der beste artzt. [...]. Die vngelehrten artzt verursachen mehr die kranckheitẽ / denn das sies vertreiben [...]. Fechter ohn beulen / artzt ohne kunst / vnd trunckner wechter / taugen nichts. Ein geschwaͤtziger artzt / ist dem krancken ein sondere kranckheit [...]. Ein junger artzt muß drey Kirchhoͤff haben. Zu grosser vnd schwerer kranckheit / gehoͤrt ein starcke artzney / vnd ein scharpffer artzt. [...]. Ein vnerfahrner artzt macht einen hockerichten Kirchhoff. [...]. Ein vnerfahrner artzt [...] meid bistu weiß. [...]. Ein artzt ist vnsers Herren Gottes flicker. Ein artzt ist ein Knecht der natur. [...]. Gott hat einen jeden zu einem [...] artzt seins eigen leibs gesetzt. Wer fuͤr seinem Schoͤpffer suͤndiget / der muß dem artzt in die haͤnd kommen. [...]. Je mehr aͤrtzt / je mehr kranckheit. Huͤt dich fuͤr dem artzt / der an dir lernen will [...]. Wenn die leut gesund sein / so ist der artzt kranck. [...]. Artzt vnd Juristen reitten auff gaͤulen / Priester im kot / vnd armut muͤssen verfaulen. [...]. Der Priester thut mehr denn der artzt. [...]. Mit liegen betreugt einer sich selbst / nicht den artzten. Troͤst Gott den krancken / der den artzt zum erben setzt. [...]. Artzt hilff dir selber [...]. Der artzt lobt wol die myrrhen / dennoch ist sie voll bitterkeit. Prediger warten der Seel / artzte warten deß leibs / Juristen lassen leib vnd Seel fahren [...] vnd warten der sachen. [...]. Es ist in diser verlognen Welt fehrlich ein artzt sein / dann es hat zu vil kuhartzt / vnd eigenwillige krancken. Fuͤrsten vnd artzten sind vil todten ein schand [...]. Man soll nicht aͤrtzt suchen auff den baͤumen. [...]. Dem artzt folgt der Pfarrherr / dem Pfarrherren der kirchner / vnd leutet zu grab.
˺
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
133, 6
(
moobd.
,
1473
/
8
):
Got mich bewar, das mir kain artzt | mein alltes verch mit seiner kunst so new̃e!
Große, Schwabensp.
168a, 9
;
Quint, Eckharts Pred.
1, 144, 9
;
2, 202, 9
;
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
491
;
Feudel, Evangelistar
106, 5
;
Stedtfeld, Roger-Glosse
44
;
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Luc.
4, 23
;
5, 31
; Marc.
2, 17
;
v. Tscharner, Md. Marco Polo
44, 2
;
Vetter, Pred. Taulers
271, 29
;
Gille u. a., a. a. O.
133, 97
;
Sachs
16, 72, 35
;
Kehrein, Kath. Gesangb.
2, 517, 11
;
Sudhoff, Paracelsus
4, 141, 7
;
7, 283, 6
;
Rueff, Rhein. Ostersp.
973
;
Steer, W. v. Herrenb. Büchl.
618
;
Thiele, Minner. II,
7, 119
;
Strauch, Schürebrand
22, 6
;
Chron. Strassb.
1, 34, 17
;
39, 31
;
Bihlmeyer, Seuse
301, 13
;
Wiessner, Wittenw. Ring.
1996
;
5975
;
7049
;
Lindqvist, K. v. Helmsd.
2567
;
Graf-Fuchs, Ämter Interl./Unterseen
139, 16
;
Welti, Stadtr. Bern
437, 11
;
Päpke, Marienl. Wernher
7510
;
Geier, Stadtr. Überl.
439, 29
;
Roder, Hugs Vill. Chron.
160, 13
;
Rohland, Schäden
355
;
Haltaus, Liederb. Hätzlerin
1, 43, 27
;
Müller, Nördl. Stadtr.
93, 29
;
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 675, 10
;
Chron. Augsb.
9, 123, 18
;
Barack, Zim. Chron.
1, 406, 23
;
Scholz, Lanfrank. Chir. Parva
226r, 16
;
232v, 20
;
Spiller, Füetrer. Bay. Chron.
158, 18
;
Voc. Teut.-Lat.
b vjv
;
ll iijr
;
Dasypodius
291r
;
Maaler
30v
;
234v
;
Mylius
C 4v
;
Henisch
126
;
Brinckmeier
1, 177
;
Stieler
1, 50
;
51
;
Dietz, Wb. Luther
1, 119
;
Preuss. Wb. (Z)
1, 214/15
;
Bad. Wb.
1, 73
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß
17
;
Schweiz. Id.
1, 496
;
10, 1124
;
Vorarlb. Wb.
1, 133
;
Schmeller/F.
1, 154
;
Öst. Wb.
1, 382-384
;
Wmu
1, 131/32
;
Rwb
1, 836
;
Sanford, Wb. Berufsbez.
1975, 5
.
2.
›Heiler, Heilbringer, Tröster, Retter der Seele‹; häufig von Christus, aber auch von Gott, vom Priester usw. gesagt; Ütr. zu 1.
Bedeutungsverwandte:
 2,  1,  5, .
Syntagmen:
den a. ersuchen, die priester a. nennen
;
a. jn. ernären / gesund machen, a. die sakramente aufsetzen
;
zum a. rufen / schreien
;
a. der sele
(mehrmals),
der seuchen wiederbringender a.
(von Gott);
allerbester / almächtiger / bewärter / geistlicher / getreuer / himlischer / übernatürlicher a.

Belegblock:

Steer, W. v. Herrenb. Büchl.
653
(
pfälz.
,
1436
):
Got der almechtig ‘artzt der selen’.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
2, 153, 13
(
Nürnb.
1517
):
o here Jesu Christe; den kranken, nit den gesunten, bistu komen, o allerbester arzt.
Illing, Albert. Sup. miss.
1846
(
els.
,
n. 1380
):
so sint die priester genant artzete, der ambaht befohlen ist dis sacramente zuͦ segende.
˹Hierher und zu 1: Bihlmeyer, Seuse
503, 19
(
alem.
,
14. Jh.
):
der lipliche sieche hat sime arzatte zuͦ gloͮbende, der die nature dez siechtagen bas erkennet denne er selber, also hat ein mensche einem bescheiden geistlichen arzate zuͦ gloubende.
˺
Sappler, H. Kaufringer
25, 24
(
schwäb.
, Hs.
1472
):
darumb sant er [...] | den hailigen gaist ze tröster, | das er der sele arzat wer.
Chron. Augsb.
8, 451, 10
(
schwäb.
, zu
1563
):
daß derohalb ain jeder zuvorderst den übernatürlichen arzt Christum [...] anruefflich ersuchen well.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
125, 27
(
tir.
,
1464
):
heiliger [...] Jeronime, tu pewërter arczt der selen, mach gesunt mit deiner erceneÿ die wunden meiner sëlen.
Froning, Alsf. Passionssp.
1545
;
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
34, 23
;
Gille u. a., M. Beheim
118, 116
;
663
;
745
;
Päpke, Marienl. Wernher
7481
;
Chron. Augsb.
8, 451, 16
;
Bauer, a. a. O.
44, 5
;
Preuss. Wb. (Z)
1, 214
.