armut,
der / die / das
(die feminine Form ist am häufigsten belegt; vgl. aber 5);
-(e)s
(für:
der/das
),
(für:
die
) / –;
armüte,
das
;
-Ø/
–;
wegen der
e
-Apokope und der nicht durchgehenden Kennzeichnung des Umlautes ist keine Häufigkeitsangabe relativ zu möglich. – Bei der Angabe der Syntagmen erfolgt stets Umsetzung in die feminine Form
die armut.
1.
›Armut, Bedürftigkeit, Besitzlosigkeit; Mangel an etw.‹;
vgl. (Adj.) 12; , , ,  1.
Zur Sache: LThK
1, 878
-883; TRE
4, 69
-121; Lex. d. Mal.
1, 984
-990.
Gegensätze:
.
Syntagmen:
a. haben / leiden
(mehrmals)
/ merken / ansehen / wissen / beschwären / ringern / meiden / wenden / beweisen / erweisen / schwören
;
a.
(Subj.)
jn. angehen, a. weichen, ein ende haben, a. jn. zu etw. zwingen, a. jn. bezwingen, das [...], a. zu bösem geneigt sein, von reichtum a. werden
;
der a. wermut vergessen, a. halber kein vieh halten, der a. blos sein
;
sich in der a. benügen lassen, sich in a. fristen, in a. sein / kommen
(mehrmals) /
leben / stehen, in a. verdrükt sein, jn. in a. bringen / treiben, in a. ringen, in die a. schwören, zu a. kommen
(mehrmals),
etw.
(Subj.)
zur a. helfen, vor a. etw. nicht wissen, von a. wegen verzweifeln, von a. wegen aus der stat ziehen, etw. von a. wegen nicht geben können, eine stat
(Akk.)
von a. verderben, mit der a. zufrieden sein, mit der a. umgehen, jn. mit a. schlahen
;
a. an etw., a. der haushaltung, a. elender leute
;
urkunde / schein der a., in ansehung der a., genug der a., weg zur a.
;
grosse / hohe / liebe / rechte a.
;
fraue a.

Belegblock:

Große, Schwabensp.
134a, 36
(Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
wert auͦer eyn borch tuͦbrochen met gewalt oder let sie en here tuͦgan mit willen oder mit armuͦte, de buͦwet man wol wedder ane orloff.
Steer, W. v. Herrenb. Büchl.
704
(
pfälz.
,
1436
):
wie sie zu hilffe kommen vnd nicht beswerent armut vnd notdurfftikeit armer ellender lüte.
Sievers, Oxf. Benedictinerr.
26, 9
(
hess.
,
14. Jh.
):
Kummet iz aber so daz sie die not der stede oder daz armude twynget daz sie unmuszig muzzen wesen.
Österley, Kirchhof. Wendunmuth
3, 196, 31
(
Frankf.
1602
):
welche [faulläntzer] unter dem schein des armuts andern leuthen das ihr abgeitzen.
Luther, WA
30, 3, 242, 21
(
1530
):
Warumb behelt sie yhn nicht da heim bey wenigerm gute und lesst yhr ym armut benuͤgen?
Ebd.
51, 649, 123
(
um 1535
):
Armut wehe thut.
Anderson u. a., Flugschrr.
5, 5, 18
(
Zwickau
1524
):
ob auch Got ein menschẽ / laßt krãckheit / Armuͦt widerwertigkeit / Ellendt oder ander gebrechen leyden.
Asmussen, Buch d.
7
Grade 706 (
nobd.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
daz ain armer mensch ranch | in armut, deu in sere twanch, | der nimer het den ainen hunt.
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
15, 11
(
nürnb.
,
1. H. 15. Jh.
):
Alle genugsamkeit oder alle vollikeit, die got nicht ist, die ist mir ein armüt und durftikeit.
Gille u. a., M. Beheim
81, 116
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
das pedeüt die menschen, secht, | die got der herr gaiselt und slecht | mit armut, chrankait, plöden | Geprechen.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
1, 599
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
der mensche merket der menschen hunger, turst, kelti, nackekeit, sv́hte, armuͤte, versmehte, verdrukunge der armen in maniger wis.
Lemmer, Brant. Narrensch.
83, 84
(
Basel
1494
):
Das nüt vff erd ye wart so groß | Das nit von erst vß armuͦt floß | Das Roͤmsch rich / vnd sin hoher nam | Anfaͤnglich vß armuͦt har kam.
Päpke, Marienl. Wernher
13225
(
halem.
,
v. 1382
):
Die [cristen] sich da alle fristen | Inso grosser armuͦt | Mit allem gebresten ane guͦt | Inalso túren jaren.
Welti, Stadtr. Bern
147, 13
(
halem.
, Hs.
n. 1400
):
daz si [personen] es [vngelt] von rechter armuͦt wegen nit geben moͤchtin.
Warnock, Pred. Paulis
7, 268
(
önalem.
,
1490
/
4
):
Die dritten haissent poverelli, und die glichsnent sich vor der welt, als ob sú gross miner der armuͦt sigint, tragent zerrissne böse claider an, darumb daz man inen vil und gern daz almuͦsen gebe.
Sappler, H. Kaufringer
25, 169
(
schwäb.
, Hs.
1472
):
das er dem nächsten sein daneben, | den er sicht stan in armuot, | mittailen soll und geben sein guot.
Müller, Nördl. Stadtr.
319, 2
(
schwäb.
,
1458
):
soverr iemandt durch fruntschaft [...] etwer hüset, wa denselben armüt oder not angieng.
Heydn. maister
30v, 9
(
Augsb.
1490
):
deĩ reÿchtũb werdent in dir zergen / vnd seind geleich d’armuͦt / wẽn du in den reichtũben hũgerig vnd durstig bist.
Niewöhner, Teichner
399, 15
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
ain betwingt sein armuͤt | daz er nympt ein weip durich guͤt.
Bastian u. a., Regensb. UB
136, 13
(
oobd.
,
1358
):
Nu habent uns di wisen lute [...] derselben juden armmuͦt, notduͦrft und gebresten beweiset.
Rudolf, H. v. Langenstein. Erch.
37, 76
(
moobd.
,
1393
):
Des starken arbaiter muͤt hat albeg genuͤg, aber der treͣg ist albeg in armuͤt.
˹Sprichwörtlich: Ulner
38
(
Frankf.
1572
):
Gerecht Armut ist besser denn vngerecht Reichthumb.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 73, 26
(
Hagenau
1534
):
Faulheyt lohnet mit armut.
Ebd.
82, 13
:
An das armut wil yederman die schuch wischen. [...] Daß schuchwischen also vil sey / als etwas das aller schentlichst zu verachten.
Henisch
116
/17 (
Augsb.
1616
):
Armut ist kein laͤme am leib / noch hindernuß an der selẽ. [...] Armut lehret vil kuͤnste [...]. Ein harter lehrmeister klug zu werden ist die armut [...]. Geitz ist die groͤste armut. Der Geitz bey seinem grossen gut / Hat alzeit mangel vnd armut. Wers nicht braucht / dem ist Gut nicht gut / Sondern die hoͤchste armut. Wer armut wol behausen kan / Den halt ich fuͤr ein reichen Mann. [...]. Wer mit der armut vmb kan gehn / der ist reich. [...]. Buͤrge werden / hat vil reiche leuth verderbt / vnd in Armut gebracht. [...]. Gelt wendet dẽ geitzigen kein armut / sonder macht sie jm. [...]. Gut macht muth / muth macht hochmuth / hochmut macht armut / armut wehe thut / wehe thun sucht wider gut. [...]. Vnfleiß macht armut. [...]. Wer vnrecht gut samlet / der bereytet seinen Kindern den weg zur armut. Wer sein gut verzehrt / der hat armut zum geferthen. Wein / Huren / lieb vnd kartenspil / Hat bracht in noth vnd armut vil. Lebstu mit vernunfft / so kumbstu nimmer in die Armut zunfft. [...]. Allzu mild hilfft bald zur Armut. Wer muͤssiggang nachgehet / der hat armut zum gefertẽ. [...]. Armut ist ein gute Ringmaur / vnd macht sicher fuͤr Dieb. [...]. Die Armut ist aller künst Stieffmutter. [...]. Armut lehret maͤssig leben / maͤssigkeit aber macht vns zu aller vbung der tugent geschickter. Armut vnd hunger / hat vil gelerter Junger. Armut zwingt vnd dringt manchen Mann / Vil zu erfahren vnd außzustahn. Es ist auff Erden nichts so groß / Das nicht zu erst auß armut floß. [...]. Armut studieret / wol studieren / thut auß armut fuͤhren. [...]. Armut ist ehrlich ding / wer mit jhr kan vmbgehn. Armut schelmet nicht. Reich ist / der mit seiner armut zu friden. [...]. Die armut ist from̃ / die reichthumb dum̃ vnd krum̃.
˺
Thielen, Gr. Zinsb. Dt. Ord.
113, 22
;
Quint, Eckharts Pred.
1, 61, 7
;
272, 1
;
Chron. Köln
1, 395
;
Bömer, Pilgerf. träum. Mönch, S.
311
;
Laufs, Reichskammergo.
105, 6
;
179, 23
;
Hübner, Buch Daniel
3443
;
Luther. Hl. Schrifft. Spr.
30, 8
; Apg.
2, 9
;
Ders., WA
41, 361, 28
;
Pyritz, Minneburg
4733
;
Asmussen, a. a. O.
33
;
Wagner, a. a. O.
15, 9
;
Gille u. a., M. Beheim
12, 31
;
61, 13
;
93, 11
;
124b, 623
;
664
;
Sachs
3, 231, 13
;
Kehrein, Kath. Gesangb.
1, 62, 6
;
Bihlmeyer, Seuse
428, 16
;
Eichler, a. a. O.
2, 633
;
Kurrelmeyer, Dt. Bibel
2, 126, 1
Var.;
Wiessner, Wittenw. Ring.
3482
;
3914
;
Päpke, a. a. O.
2761
;
2784
;
Sappler, H. Kaufringer
16, 299
;
Chron. Augsb.
4, 43,
Var. zu Zeile 9;
185, 7
;
Wintterlin, Würt. Ländl. Rechtsqu.
2, 111, 23
;
485, 26
;
Bastian u. a., a. a. O.
135, 4
;
Guth, Gr. Alex.
4976
;
5864
;
Klein, Oswald
4, 49
;
18, 3
;
Munz, Füetrer. Persibein
391, 4
;
Weber, Füetrer. Poyt.
341, 4
;
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
354, 2
;
Turmair
4, 479, 1
;
Grothausmann, Stadtb. Karpfen
34, 15
;
Dasypodius
290v
;
Schöpper
55a
;
Serranus
16r
;
Maaler
30r
;
Ulner C
3v
;
Apherdianus K
8v
;
Hulsius A iijr;
Harsdoerffer. Trichter
3, 128
(dort reichhaltiges Material zur Armutsauffassung);
Dietz, Wb. Luther
116
;
Aland, Lutherlexikon
27
;
Rwb
1, 830
.
2.
›Armengelder‹; metonymisch: ›Armenkasse‹;
vgl. (Adj.) 1.
Bedeutungsverwandte:
vgl. ; zur Metonymie: .
Syntagmen:
der a. nachteilig sein, der a. etw. leihen
;
gemeine a.
(mehrmals);
verwalter / vorsteher der a.

Belegblock:

Rwb
1, 830
(
seit 1567
).
3.
›aus religiösen Gründen freiwillig gewählte Armut, der Askese dienende Lebensform; geistliche Armut‹;
zu (Adj.) 3.
Zur Sache: LThK
1, 878
-883; TRE
4, 88
.
Vorw. religiöse und didaktische Texte des 14. und 15. Jhs.
Gegensätze:
.
Syntagmen:
a. bekennen / haben / halten / leiden, jn. gewillige a. nennen
;
a. am willen liegen, a. jm. zu hilfe kommen
;
etw. mit a. lernen, etw. mit a. des geistes überwinden,
˹
mit a. erkriegen, das [...]
˺,
mit a. reich werden, sich an a. üben, in a. sein, sich in der a. halten, dem herren in a. dienen, von der a. wissen
;
a. des geistes
(oft) /
Christi
;
innerliche / inwendige / willige
(oft) /
geistliche / heilige / senftmütige / grosse / ware / wesenliche a.
;
bei den willigen a.
(metonymisch als Angabe einer Gruppe von Bettelmönchen und als Lokalbestimmung).

Belegblock:

Quint, Eckharts Pred.
2, 150, 4
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
der werlt rîche sol man überwinden mit armuot des geistes.
Ebd.
201, 15
:
Alliu rîcheit und armuot und sælicheit liget an dem willen.
Ebd.
487, 3
:
ez ist noch ein [...] inwendigiu armuot, von der ist daz wort unsers herren zu verstânne, sô er sprichet: ‘sælic sint die armen des geistes’.
Ebd.
500, 7
:
wan daz ist diu armuot des geistes, daz er alsô ledic stâ gotes und aller sîner werke.
Quint, Eckharts Trakt.
297, 6
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
dô unser herre von allen sæligen sachen wolte reden, dô saste er die armuot des geistes ze einem houbete ir aller und was diu êrste ze einem zeichen, daz alliu sælicheit und volkomenheit al und alzemâle ein beginnen hân in der armuot des geistes.
Jostes, Eckhart
33, 7
(
14. Jh.
):
Alz verre alz di sel dan gevolget hat got in di wustung der gotheit, alz verre volget der lichnam unserm herren Jhesu Cristo in di wustung des willigen armutz und ist ein mit im.
Rosenthal. Bedencken
6, 8
(
Köln
1653
):
Wir erfrewen vns mit S. Augustino / daß wir sehen die so grosse Armut deß Geistes / welche auch statliche Patrimonia verlaͤst.
Gille u. a., M. Beheim
82, 88
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
das wir mit seiner [Crist] klaine | Gross wurden sunder grause | und auch mit seiner armut reich.
Vetter, Pred. Taulers
37, 2
(
els.
,
14. Jh.
):
dis ist daz wore wesenliche armuͤte, zuͦ dem alle guͦte menschen in der worheit gehoͤrent und daz Got von in wil, und so daz sú habent ein fri, lidig, erhaben gemuͤte, das ungevangen ist von allen dingen.
Ebd.
145, 20
:
trunge echt fúr sich in in den grunt das alles ist ane alles anhangen oder enthalten ichtes, und hielte sich in dem armuͤte und blosheit in worer gelossenheit.
Bihlmeyer, Seuse
46, 7
(
alem.
,
14. Jh.
):
Vil zites uͦpte er sich an soͤlicher armuͦt, daz er enkeinen pfenning wolt enpfahen.
Ebd.
160, 7
:
der mensch [...] noh nit kan under gan nah sines geistenriches wesens ordenlichen entwordenheit in ein war armuͦt.
Strauch, Schürebrand
22, 20
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
dem ir rehte gemehelliche truwen leisten süllent, sinem armuͤte, sinem ellende, siner versmehte noch zuͦ volgende.
Adrian, Saelden Hort
1325
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
daz kind betútet rainikait, | daz krippelin demúetikait, | die willigen armuͦt dú tuͦch.
Koller, Ref. Siegmunds
120, 39
(Hs. ˹
Augsb.
,
um 1440
˺):
sunderlichen an dryen weselichen stucken, daz ist kuscheyt, armuͤt, daz ist nicht eygens zu haben an die gemeyn, gehorsamkeyt.
Chron. Augsb.
1, 328, 4
(
schwäb.
,
E. 15. Jh.
):
Anno 1459 jar ward ain briester bey den willigen armuͦt ermürt in seinem aigen hauß.
Ebd.
4, 187, 21
(
v. 1536
):
welcher [...] seine schüler lernet, nichtz aiges zuͦ haben, sunder willige arenmuͦt und in gemein zuͦ leben.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
10, 8
(
tir.
,
1464
):
so vil trüebsal, kümernus, peinigung, angst, gaislung, hunger, durst, pitterkait, anfechtung des fleisches, abprëchung, wachung, chirchuerten, megrung des fleisches, enplössung, vastung, armüt, vnd nicht alain die ding, aber swërëre vnd vnerzeleiche ding hat er geliten mit seinem erwirdigen leib durch den namen Christi Jesu.
Bauer, Imitatio Haller
55, 26
(
tir.
,
1466
):
Es ist ain grosse genad dem menschen, der da manglen ist der weltleichen freuden vnd der tröstung der menschen vnd der da willikchleichen leiden ist armuet vnd truebsal durch des herren willen vnd sich selbs fur nichte scheczen ist vnd nicht an sehen ist sein aigen verdienen.
Quint, a. a. O.
2, 446, 8
;
488, 1
;
494, 7
;
505, 7
;
Ders., Eckharts Trakt.
281, 14
;
Jostes, a. a. O.
29, 13
;
Bömer, Pilgerf. träum. Mönch
13098
;
Gille u. a., a. a. O.
109, 157
;
Vetter, a. a. O.
36, 22
;
401, 13
;
Bihlmeyer, a. a. O.
218, 6
;
475, 4
;
Illing, Albert. Sup. miss.
557
;
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
1, 333
;
2, 2253
;
Banz, Christus u. d. minn. Seele
1676
;
2019
;
hail. altvaͤter
78r, 15
;
Rieder, St. Georg. Pred.
26, 29
;
51, 33
;
Koller, a. a. O.
123, 15
;
199, 29
;
Wolf, Norm im sp. Ma.
42, 41
;
45, 43
;
Chron. Augsb.
1, 331, 24
;
4, 207, 2
;
Bauer, Imitatio Haller
67, 3
;
Hohmann, H. v. Langenstein. Untersch.
4, 25
;
Schwäb. Wb.
1, 323
-324;
Pleuser, Leid b. Tauler.
1967, 161
.
4.
›die unterste Sozialschicht der Bevölkerung, Schicht der Abhängigen, Unfreien, Zins- und Dienstpflichtigen; Armenschaft, Un-, Minderbegüterte‹; vgl. (Adj.) 4 mit zusätzlicher Metonymie von der Kennzeichnung der Sozialschicht auf die Gesamtheit der Personen dieser Schicht.
Vorwiegend nrddt./omd.
Syntagmen:
die a. beschweren / betriegen / schinden / verleiten
;
a.
(Subj.)
etw. nicht bekommen, a. verpflichtet sein zu [...]
;
der a. von etw. schade kommen
;
almosen auf die a. geben, für die a. kochen / backen
;
a. des landes
;
gemeine a.
;
beschwer der a.

Belegblock:

Chron. Magdeb.
2, 117, 16
(
nrddt.
, Hs.
E. 16. Jh.
):
die knochenhauer die Bürger und Armuht schindten.
Toeppen, Ständetage Preußen
3, 23, 15
(
preuß.
,
1447
):
das sie [awstwolle] bose sey und die armuth methe betrogen wirt.
Lohmeyer, K. v. Nostitz
62, 15
(
preuß.
,
1578
):
Man konte an alle beschwer des armuts 4 schefferein anlegen.
Ebd.
142, 5
:
Daß armut, das kan kein bolholtz bekommen ader mussens dupel theur betzalen.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob
10684
(
omd.
,
1338
):
von deme ungeverte | Lyt iz dem armute herte | Daz nicht mac kumen dar ir vuz.
Röhrich u. a., Cod. Dipl. Warm.
4, 208, 33
(
1427
):
von ungewonlichen hochczeiten und kyndelbyren komen merkliche schaden dem armuͤthe.
Ebd.
615, 13
(
1435
):
domit das armut disses landes sere wirt vorleitet, betrogen und besweret.
Henisch
118
(
Augsb.
1616
):
Die armut geht bey vns auff pantofflen / vñ tregt Sperber auff den haͤnden. [...]. Armut tregt vil dienstbarkeit mit jr auff dem rucken.
Dietz, Wb. Luther
116
;
Preuss. Wb. (Z) 1, 205;
Rwb
1, 830
.
5.
in einem Teil der Belege diminuiert:
armütlein
; alle diesbezüglich interpretierbaren Belege mit Artikel
das
; ›ärmlicher, geringer Besitz, kleines Gut, kleine Habe‹; vgl. (Adj.) 14, wie unter 4 zusätzliche Metonymie, hier von der Qualität auf eine sachliche Begleiterscheinung von Armut, Bedürftigkeit; vgl. ferner:
armutei
2.
Syntagmen:
die a. erwerben / überkommen / beschreiben / fliehen / flüchten / verarzneien / verkaufen, an einen ort bringen, jm. die a. vertrauen
;
a.
(Subj.)
jm. benügen
;
jn. mit der a. reich machen, jn. mit dem a. ins spital nemen, aus der a. eines anderen mangel zu hilfe kommen
;
a. an vieh / hausrat, a. der pflegpersonen / weisen.

Belegblock:

Luther. Hl. Schrifft. Marc.
12, 44
(
Wittenb.
1545
):
Denn sie haben alle von jrem vbrigen eingelegt / Diese aber hat von jrem armut alles was sie hat / jre gantze Narung eingelegt.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel
6, 93, 19
(
Straßb.
1466
; Var. Hs.
1. H. 15. Jh.
):
ich hab berait die zerungen des haus des herren [...] in meinen lútzeln dingen
[W:
meinẽ armütel
].
Lemmer, Brant. Narrensch.
94, 16
(
Basel
1494
):
Eym yeden syn armuͦt benuͤg | Vnd bgaͤr nit / das es groͤsser werd.
Hauber, UB Heiligkr.
2, 399, 39
(
schwäb.
,
1506
):
so sin schwester by irem man der ietz ouch tod ist ain armútlyn úberkomen hat.
Chron. Augsb.
7, 66, 22
(
schwäb.
, zu
1548
):
die ime ir armuͤt vertraut hetten umb ires aigen nutz willen.
Wintterlin, Würt. Ländl. Rechtsqu.
2, 278, 27
(
schwäb.
,
1611
):
die sollen der weißen und pflegpersonen armüethlein ordenlich beschreiben lassen.
Rechn. Kronstadt
3, 315, 27
(
siebenb.
,
1554
):
das im in denn armŭt ein abdach hat gemacht, vnnd vor 300 schaindelnn vnnd vor Negell hŭn ich gebenn asp. 27.
Maaler
30r
;
Henisch
108
;
Schmid, R. Cysat
6, 8
;
Ders., Pilgerreisen
405
;
Dietz, Wb. Luther
116
;
Preuss. Wb. (Z) 1, 205;
Pfälz. Wb.
1, 334
;
Schwäb. Wb.
1, 324
;
Schweiz. Id.
1, 457
;
Rwb
1, 830
.
6.
›Not, Elend, Mühseligkeit, wie sie dem Menschen durch den Sündenfall oder durch eigene Schuld auferlegt sind‹;
vgl. am ehesten (Adj.) 10,  1.
Vorwiegend religiöse und didaktische Texte.
Syntagmen:
jn. in a. bringen, zu der a. treiben
;
a. unter dem volk
;
(jamer)tal der a.
;
grosse a.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok.
20523
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
Do min her Adam volles slages | Uzer dem paradise | Durch die vorbotenen spise | Zu disen armuten wart vortriben.
Gille u. a., M. Beheim
195, 167
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
da sicht er cler | [...] | [...] sich selb in dem stande, | elend in disem jamer tal | der czeher, der armut und qual.
Morgan u. a., MHG. Transl. Summa
337, 11
(
schwäb.
,
14. Jh.
):
aber die armuot oder die iamerkeit ist widerwertige der selikeit.
Rudolf, H. v. Langenstein. Erch.
60, 39
(
moobd.
,
1393
):
Des dritten mals scholt man sich vor chrieg hueten von der grossen armüt wegen, dÿ man [...] leiden muzz mit wachen dÿ gancz nacht, [...] mit hunger, mit duͤrst vnd mit frost.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
185, 18
(
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
wie gros der kumer und armut unnter dem armen volck was.
Steer, W. v. Herrenb. Büchl.
49
;
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
115, 41
;
7.
›Gebrechlichkeit, Schwachheit, Erbärmlichkeit‹;
vgl. (Adj.) 11.
Bedeutungsverwandte:
vgl. .

Belegblock:

Asmussen, Buch d.
7
Grade 1131 (
nobd.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
Swen ich mein armut ansih, | so pin ich swacher den ain vih.
Rudolf, H. v. Langenstein. Erch.
43, 73
(
moobd.
,
1393
):
Es tar vnderweilen ein fürst von grosser sorig wegen [...] durch sein aigen stat nicht reiten [...], vnd das ist doch an ainem fürsten ain grozze armuͤt.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
12, 37
(
tir.
,
1464
):
hat auch der herr seinen liebsten sun Jeronimum enplöst des klaides der tödleichhait vnd armut vnd der erfeülung des armen fleisches. Er hat in geziert mit der chron der ewigen vntödleichhait.
8.
›krankheitsbedingtes Elend‹, im Beleg: ›Blindheit‹;
vgl. (Adj.) 12.

Belegblock:

Froning, Alsf. Passionssp.
1627
(
ohess.
,
1501ff.
):
das mich Jhesus hot gemacht gesunt | myt syner geweldigen hant | und hot myn armut erkant.
9.
›Pein, Qual, Leiden, Passion (Christi)‹;
vgl. (Adj.) 13.
Bedeutungsverwandte:
vgl. ,  4.

Belegblock:

Kehrein, Kath. Gesangb.
1, 127, 26
(
Nürnb.
1631
):
Dein Armuht soll vnser Reichthumb sein, | Dein demut vnser uͤbung allein.
Rudolf, H. v. Langenstein. Erch.
27, 39
(
moobd.
,
1393
):
Bedenkch mein armut, dein schuld, den wermuͤd vnd die gallen. Vnd dÿ armüt an vnsers herrn glidern, das ist an armen lewten.
Ebd.
27, 36
.
10.
›Verdammung des Menschen durch den Sündenfall, Erlösungsbedürftigkeit; Höllenqual‹;
vgl. (Adj.) 14.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  1.

Belegblock:

Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
18, 104
(
nürnb.
,
1. H. 15. Jh.
):
O herre mein got, was ist das, das ich beschaw in dem ertrich der armüt und der vinsternuße? Grawen, czittern und vorcht. Was ist, daz ich besihe, do kein ordnung nicht ist, sunder ewige unordnung und grawsamkeit wonet? O laider des jemerlichen hewlens und luens, das erhellen der claffenden czen, das unordenlich schreien und sewfczen, den ach und we, we und ach, ewiglich an ende.
Vetter, Pred. Taulers
345, 16
(
els.
,
1359
):
ob Got das armuͤte von in wolte eweklich gehebet han.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
51, 2
(
tir.
,
1464
):
Der mensch der was gefallen in die armüet durch die alten speis des holczes, durch dich würt er widerum erhebt zu der ewigen glori.
11.
›Geringhaltigkeit (z. B. von Erzen); armseliger, geringer Ertrag‹;
vgl. (Adj.) 15.

Belegblock:

Löscher, Erzgeb. Bergr.
156, 21
(
omd.
,
1554
):
Zechen, welche unter den stolln von wegen der waßernoth, armuth der ertze oder anderer ursachen halben auflaßen.
Öst. Wb.
1, 346
.