arm,
Adj.;
Uml. – Das Bedeutungsfeld ist besonders schwer gliederbar; 1-3 zur Kennzeichnung der Besitzlosigkeit, der nicht gegebenen Verfügbarkeit über Materielles und Geistiges; 4-8 zur Kennzeichnung sozialer Abhängigkeit, ihrer Formen und der mit ihr verbundenen bzw. ihr zugeschriebenen Folgen; 9 eine polare Paarformel, die auf 1-3 und 4 beruhen kann; 10-14 zur Kennzeichnung allgemeiner und spezieller (natürlicher, rechtlicher, religiöser) Mitleidswürdigkeit; 15 und 16 zur Kennzeichnung der Minderwertigkeit von Sachen. Die einzelnen Bedeutungen und Bedeutungsblöcke sind in besonderer Weise offen zueinander. Oft gaben geringe Nuancierungen den Ausschlag für die Zuordnung der Belege zu einer der angesetzten Bedeutungen.
– Zur Sache vgl. Rgg
1, 622
-628; LThK
1, 878
-886; Hrg
1, 223
-228; TRE
4, 10
-40 (s. v.
Armenfürsorge
).
1.
›arm, bedürftig, besitzlos, ohne die zum Lebensunterhalt erforderlichen finanziellen und sonstigen Mittel‹;
sehr oft im Gegensatz zu gebraucht. Über die Ursache des Armseins wird in den Texten teils keine Aussage gemacht, teils (vor allem in den Sprichwörtern) wird ein Mitverschulden (darunter Untätigkeit im weitesten Sinne) vorausgesetzt oder ausgesprochen, teils wird das Armsein als durch die soziale Ordnung und ihre mißbräuchliche Handhabung gegeben hingestellt. Bei Voraussetzung oder Angabe ersterer Ursache kann auf die Eigenschaft, arm zu sein, sowie auf die Träger der Eigenschaft mit negativen Aussagen Bezug genommen werden, bei Annahme der zweiten Ursache begegnen oft positive Aussagen; offen zu 4; vgl.  1.
Zur Armutsauffassung in frnhd. Zeit vgl. Fischer, Folz. Reimp.
211
-225.
Bedeutungsverwandte:
 1,  1, , , ; vgl.  1.
Gegensätze:
(oft).
Phraseme:
zu armen tagen kommen
›verarmen‹.
Syntagmen:
(oft subst.)
den a. (menschen) drängen / erhalten / ernären / erzürnen / verschmähen, schmal abspeisen, hunger leiden lassen; die a. (leute) mit brot erfüllen, mit etw. begaben, a. (leute) nicht sehen / hören mögen; a. (leute) begeren almosen, gehen um das almosen, strecken sich nach der decke, zalen nicht gern, bekommen etw., ernären den reichen, bleiben arm, sein zuweilen frölich, haben immerzu unrecht; den a. (leuten) helfen, etw. abgeilen / abbrechen / geben / mitteilen, dem a. man wol tun, den a. (leuten) etw. (zum trost / zum besten) anordnen / instituieren / verordnen; etw. unter die a. (leute) austeilen, das or für den a. zustopfen, mitleid mit dem a. haben; in / mit eren a. sein, auswendig a. sein; nicht zu a. und nicht zu reich
(als Schlagwort);
etw.
(z. B.
glük, unfürsichtigkeit
)
jn. a. machen, sich a. dünken, sich a. spielen; a. des zeitlichen gutes, a. von gut; sache der a., erhaltung der a., schar der a., trost des a.; a. man / herre / teufel / gast / geselle / altreusse / bruder / fischer / jurist / schüler / wirt, der a. S. Peter
(für den Heiligen Stuhl),
a. jungfraue / witwe, a. kind / mägdlein
; zur Charakterisierung von Bezugsgegenständen im Lebensraum von Armen:
a. dienst / herd, a. hochzeit.

Belegblock:

Die Belegzusammenstellung und damit die Bestimmung von Bed. 1 erfolgt vorwiegend aus dem Gegensatz
arm
 : 
reich
heraus sowie nach dem Gesichtspunkt, ob ein Mangel an etw. Lebensnotwendigem angesprochen wird:
Lohmeyer, K. v. Nostitz
94, 23
(
preuß.
,
1578
):
So vil pfandtheuser versetzt sein, darauff sein alle pfandthern reich würden, welche zuvorn arme gesellen gewesen.
Ebd.
112, 10
:
ist er vil tausent marg reich würden, der gar ein armer geselle war.
Quint, Eckharts Pred.
1, 86, 6
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Waz hülfe mich, hæte ich einen bruoder, der dâ wære ein rîcher man und wære ich dâ bî ein armer man.
Ebd.
2, 151, 5
:
Hæte der mensche alle die werlt, sô sol er doch sich dünken arm [...] und biten umbe daz almuosen der gnâde unsers herren.
Rudolph, Qu. Trier
92, 1
(
mosfrk.
,
1593
/
94
):
Almosinierer amt, [...] den armen bedurfftigen zum trost, besten und frommen instituiret.
Palmer, Tondolus
16
(
Speyer
um 1483
):
er versumet die kirchen vnd gots dinst / Arm lut mocht er weder sehen noch horen. aber geuckler vnd lotterbuben teilt er rilich mit.
Laufs, Reichskammergo.
105, 8
(
Mainz
1555
):
die sachen der armen, die irer armuth urkundt oder anzeyg bringen und den eydt der armuth inmassen, wie unden gesetzt, erstatten.
Kollnig, Weist. Schriesh.
203, 22
(
rhfrk.
,
1695
):
Dieweilen auch dies orts ein gewiesses allmoßen von alters her denen armen zum besten angeordnet geweßen, welches verschiedene capitalien bey einem und dem andern undertanen auf interesse stehen hat.
Dubizmay, kurß zu Teutze
87, 2
(
hess.
,
1463
):
Ir witwein gesegen ich euch mit meinem segen die armen erfulle ich mit bröte.
Kurz, Waldis. Esopus
2, 28, 47
(
Frankf.
1557
):
Die hoffart ist ein grosse suͤndt | Vnd sonderlich, wenn man sie findt | Bey armen vnuermoͤgnen leuten.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
22, 22
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
geleicher weise als mit genügen niemant arm und mit ungenügen niemant reich wesen mag.
Luther, WA
30, 2, 389, 3
(
1530
):
Es must ein armer Teuffel sein, dem die solten eine seele abbeten.
Gille u. a., M. Beheim
28, 18
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
alles das, das ich auf erden ye gewan, | das han ich laider alles sant verslaffen. | nu pin ich worden gar ein armer man!
Ebd.
108, 315
:
mit irm ampt machen sie uns arm | und aͮch durfftig da peie.
Welti, Stadtr. Bern
57, 24
(
halem.
,
v. 1300
):
Wenne [...] enkein erbe kunt, so sol man ein teil geben armen luͥten dur got vmbe dez toten sele.
Rennefahrt, Wirtsch. Bern
304, 29
(
halem.
,
1465
):
einem jecklichem pfister, so zuͦ klein brott gebachen hette, semlich brott (ze) nemen [...] und den armen duͥrfftig(en) durch gottes willen geben.
Müller, Alte Landsch. St. Gallen
121, 25
(
halem.
,
um 1600
):
diewyl loblicher Aidgnoschaft abschid vermogen, daß yede oberkeit ier armen erhalten solle.
Roder, Hugs Vill. Chron.
34, 4
(
önalem.
,
1507
):
stund(en) hinder jedem altar zwen arn schúler in schwartzen klagrock(en).
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 4, 35
(
schwäb.
,
1562
):
Würd nun [...] das ersamblet allmusen so gering sein, das die arme leüt nit damit erhalten werden mechten.
Wolf, Norm im sp. Ma.
30, 12
(
oobd.
,
1486
):
das sy gen vnd verkauffen alles, das yr ist, vnd sich fleissen, das armen zu geben.
Nyberg, Birgittenkl.
1, 272, 19
(
oobd.
,
1513
):
das sullt ir, wie euch die regel weyset, den armen notturfftigen vnndt nit den gesten mittaillen.
Rudolf, H. v. Langenstein. Erch.
10, 9
(
moobd.
,
1393
):
Dÿ dritt [svnd], als dikch der mensch den armen erczuͤrnt, wann er daz almusen begert.
Bauer, Imitatio Haller
88, 6
(
tir.
,
1466
):
Sy haben verlassen die czeitleichen gueter vnd die weltleichen freuden vnd wirdikchait. Sy haben nicht wellen pegern, das der welt ist, aber sy haben kchaum dauon genamen ir plosse noturfft. Sy sint arm gebesen der czeitleichen gueter, aber sy sint reich gewesen mit gueten tugent vnd genaden. Sy sint aus wendig arm gebesen, aber sy sint inwendig erfült gewesen mit der götleichen trostung.
˹Sprichwörtlich: Ulner
167
(
Frankf.
1572
):
Ein fauler / schlaͤfferiger / traͤger Mann wirdt arm / der fleissige aber wirdt reich.
Luther, WA
51, 653, 215
(
um 1535
):
Im Winter hat ein arm man so wol ein frisschen trünck odder kalten keller als der reiche
[Kommentar dazu: ebd., S. 695].
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 91, 7
(
Hagenau
1534
):
Es ist besser arm mit ehren / denn reich mit schanden.
Ebd.
222, 27
:
Gut edel / bluͦt arm. Ich habe diß sprichwort nye anders horen brauchen / denn Gut edel / bluͦt arm. Aber meines bedunckens solt man sagen. Bluͦt edel / guͦt arm. Er sey vom gepluͤt edel geborn / aber am guͦt sey er arm.
Ebd.
2, 50, 17
(
Augsb.
1548
):
Ain armer redet mit flehen / aber ain reicher antwort stoltze.
Ebd.
130, 28
:
Vil Raths verdirbt bey aim Armen.
Ebd.
149, 29
:
Ain Reicher dunckt sich weise sein / aber ain Armer verstendiger mercket in.
Dasypodius
290v
(
Straßb.
1536
):
Armer / da leib vñ guͦt bei einander ist
[›Armer, der nur das besitzt, was er am Leib trägt‹].
Henisch
108
-115 (hier in kleiner Auswahl) (
Augsb.
1616
):
Arm vnd redlich / pauper, sed cui sit fides. [...].
[109]
Reich vom adel / arm von gut. [...]. Frommen armẽ leuten soll man in allweg zu hilff kom̃en. Ein armer Wirt / vnd ein armer Gast / ist ein vberlast. [...].
[110]
Dũrr vnd gesund / leicht von tugent / vnnd mit gelt vnbeschwert / ist armer gesellen spruch. [...]. Ein gut gewissen vnd armer herd / Jst goldes vnd aller ehren werth. Ein armer Herr ist reicher denn ein reicher Knecht. [...]. Arme elende Kinder / die Gott kennen / fuͤrchten vnd lieben / sind reicher / denn Gottlose / reiche kinder. [...]. Arme leut kochen duͤnne [...] suppen. [...]. Arme leuth vernehen das gelt in einen wetzstein. Arm leut haben weit heim / das ist / sie gehen bald weg / als hetten sie weit hin nach Hauß. [...]. Der arme S. Peter hat vil vngelehrte leut reich gemacht. [...]
[111]
Es ist kein wirt so arm oder schlecht / er kan einem gast ein zeche oder mahlzeit borgen. [...]. Ist wenig vil / So hab ich was ich will / spricht der arme. Weil ich sprech het ich / So bin ich arm gewißlich. Hett ich / ist ein armer Mann. Hab ich / ist ein Reicher. [...]. Der ist nicht arm / der wenig hat / sondern der / der vil begert. [...]. Der Teuffel ist arm / hat weder leib noch seel. [...]. Der reiche fragt jmmer / woher es der arme bekommen hab. Es wirdt keiner arm oder reich / er hilfft jhme selber darzu. [...].
[112]
Den das gluͤck reich macht / den macht es auch wider arm. [...]. Die karten vnd kann / macht manchen zum armen Mann. [...]. Lessige hand macht arm. [...]. Es wirt keiner arm / on der nicht rechnen kan. Reiche machen arme / arme machen reiche. [...]. Faul / arm / vnd doch verzehren / Geschicht alles nit lang mit ehren. [...]. Es ist besser hie arm vnd dort reich / dann hie reich / vnnd dort nicht ein troͤpfflein wasser. Gantz arm sein / will ein starck gemuͤt haben. [...]. Mancher ist fromb vnd thut guts / weil er arm ist / der wol ein Schalck were / wann er reich were. [...]. Je aͤrmer einer ist / je besser gemach er haben will. Es ist nichts hoffertigers / denn ein armer Mann / der Reich wirdt. [...]. Trunckenheit den armen macht / Daß er fuͤr reich sich selber acht. Jst die weißheit loͤblich an einem armen / wie vil loͤblicher an einem Reichen. [...]. Jn der Welt ist kein groͤsser Suͤnd / als arm sein. [...].
[113]
Besser arm vnd gelert / dann reich vnd vngelehrt. [...]. Besser arm vnd gesund / dann reich vnd vngesund. [...]. Reichen leihen nicht gern / arme zahlen nicht gern. [...]. Besser arm / denn ein lugner. Besser arm / jung vnd weiß / dann reich / alt vnd ein Narr. Besser arm vnd frey / dann ein voller kragen / vnd ein kette am halß. [...].
[114]
Wenn der arme ein gut Oechsselin hat / so greiffen zehen haͤnde darnach / hat er ein stuck brots / so kompt ein Hund / vnd nimpts jhm. Allein der arme thut vnrecht / vnd hat das kalb in ein aug geschlagen. [...]. Wenn ein reicher nicht recht gethan hat / so sind vil die jhm vberhelffen / einem armen kan mans auffmutzen. [...]. Wer dem armen gibt / dem leihet Gott auff wucher. Wer einem armen hilfft / der denckt an sich selber. [...].
[115]
Der ist reich / der sein gelt nicht in busen / sondern in der armen bauch verschleust. Einem armen / der nicht zuhalten kan / muß man einem noth oder ehrschuß zu gut halten / oder wenn er etwa auß not vnter die tauben scheust. Jm fall der not / moͤcht man wol einen Kelch vom Altar nemen einem armen zu dienen. Wiltu reiche Kinder nachlassen / so gib dẽ armen reichlich / vnd laß jhnen damit Gott nach dir zum Zinßman.
˺
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
300
;
Jahr, H. v. Mügeln
128, 10
;
Luther. Hl. Schrifft, 3. Mos.
14, 21
; 5. Mos.
15, 7
/8; Marc.
12, 42
; Joh.
12, 8
;
Gille u. a., a. a. O.
80, 150
;
Harsdoerffer. Trichter
3, 128
;
Goldammer, Paracelsus.
4, 5, 13
;
Vetter, Pred. Taulers
173, 28
;
Wiessner, Wittenw. Ring.
7826
;
Müller, Lands. St. Gallen
76, 9
;
Sappler, H. Kaufringer
16, 62
;
Nyberg, a. a. O.
2, 268, 5
;
Rudolf, a. a. O.
33, 101
;
A. à S. Clara Glori
18, 28
;
Piirainen, Stadtr. Sillein
35a, 20
;
Dasypodius
290v
;
Schöpper
55a
;
Serranus
16r
;
Maaler
29v
;
Hulsius A iijr;
Dietz, Wb. Luther
115
;
Aland, Lutherlexikon
26
;
Schwäb. Wb.
1, 315
;
Schweiz. Id.
1, 454
-456;
Wmu
1, 129
;
Rwb
1, 821
/22.
2.
›(eines Besitzes, einer Fähigkeit) beraubt, um etw. gekommen‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.
2
 3.

Belegblock:

Stackmann u. a., Frauenlob V,
118
G, 14 (
alem.
, Hs.
14. Jh.
):
Da von lat iuwer singen varn, | ir gugelgiegen, sinnes arn!
Koppitz, Trojanerkr.
6356
(Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Bin ich der rosse worden arm.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
197, 4
(
moobd.
,
1473
/
8
):
des wurden s’ frew̃den arm unnd jamers reich.
3.
›aus eigener Entscheidung in Armut lebend, freiwillig arm, innerlich von allem Besitz und allem Vertrauen auf die eigenen Kräfte gelöst, sich selber verlierend, um der höchsten Vereinigung mit Gott fähig zu werden‹.
Vorw. mystische und didaktische Texte des 14. und 15. Jhs.
Zur Sache: Rgg
1, 622
-28; LThK
1, 878
-883.
Bedeutungsverwandte:
(Adj.),  7,  9; vgl.  2.
Syntagmen:
sich aller dinge a. machen; a. von willen
, ˹oft in Verbindung mit
geist
und
geistlich
:
die a.
(subst.)
des geistes, j. armen geistes, a. von geiste / des geistes / in dem geiste / an dem geiste; geistlich
˺
/ götlich / recht a. sein, die willig armen.

Belegblock:

Quint, Eckharts Pred.
2, 488, 5
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
daz ist ein arm mensche, der niht enwil und niht enweiz und niht enhât.
Ebd.
494, 2
:
sol der mensche arm sîn von willen, sô muoz er als lützel wellen und begern, als er wolte und begerte, dô er niht enwas.
Ebd.
497, 6
:
Der nû arm sol sîn des geistes, der muoz arm sîn alles sînes eigenen wizzennes.
Ebd.
502, 4
:
Alsô sagen wir, daz der mensche alsô arm sül sîn, daz er niht ensî noch enhabe deheine stat, dâ got inne müge würken.
Quint, Eckharts Trakt.
29, 9
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Dar umbe sprichet unser herre gar merklîche: ‘sœlic sint die armen in dem geiste’. Arm ist der, der niht enhât. Arm in dem geiste daz meinet: als daz ouge arm und blôz ist der varwe und enpfenclich aller varwen, alsô der arm ist an dem geiste, der ist enpfenclich alles geistes, und aller geiste geist ist got.
Jostes, Eckhart
29, 29
f. (
14. Jh.
):
Daz dritt ist ein willich armut, daz sint alle, di begeben gut und ere, leip und sel und allez sint auzgegangen von rechten freien willen. Dise geben urteil mit den zwelf apostoln, wan si bechennent, daz si gelazen haben, dar um geben si izunt urteil, und ist auch itzunt ir iungerster tag, wan si bechennen, daz si gelassen habent, awer si sezent anderheit in ihr eigenschaft und wegen sich selber gar groz in irm lazen. Dicz sint doch willich arm. Di virden sint geistlich arm. Dise haben gegeben freund und mag, alein nicht gut und er, leip und sel, mer si sten ledich aller guten werch, wan daz ewig wort wurcht alle ir werch, und si sten ledich aller ir werch und bloz. Wan in dem ewigen wort ist weder boz noch gut, hie um sint si ze mal ledich. Di funften sint gotlich arm, wan got en vindet chein stat in in, da er in wurchen mug. Si haben auzen und innen gelazen, wan si sint ledich und bloz ir aller zevallend form. Dicz ist ein mensch; in disem menschen sint alle mensch ein mensch, und dirre mensch ist Cristus.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mt.
5, 3
(
osächs.
,
1343
):
Sêlic sint die armen des geistes.
Luther. Hl. Schrifft. Matth.
5, 3
(
Wittenb.
1545
):
Selig sind / die da geistlich arm sind / Denn das Himelreich ist jr.
Strauch, Schürebrand
39, 10
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
der liebe sant Alexius ein arm verworfen lidig abgescheiden versmehet leben fuͦrte.
Vetter, Pred. Taulers
159, 26
(
els.
, Hs.
1359
):
die die des iren sint gelich us gegangen, das sint die geworen armen des geistes.
Ebd.
405, 2
:
Der demuͤtige mensche der hat nút eigens willen noch enkein hoͮbet, er ist arm von geiste, Got ist sin houbet und sin enthalt und sin eigen tuͦn.
Chron. Augsb.
2, 315, 23
(
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
der [priester] was pfarrer zu den willig armen.
Henisch
111
(
Augsb.
1616
):
Der willig arm ist / dem ist sein armut kein Creutz.
Bauer, Imitatio Haller
62, 16
(
tir.
,
1466
):
Man vindet gar selten ainen menschen vnder geistleichen vnd weltleichen, der in allen dingen lauter vnd rain sey. Wo vindet man nu ainen menschen, der da recht arm ist des geistes vnd der da gerainiget sey von aller creaturen. ›Vnd das der mensch von im gëb alles sein guet‹, das ist noch alles nicht czue scheczen, vnd das er verprëcht grosse puesswertikchait, das ist noch alles czue lüczel, vnd das er pegriff alle kchunst, das hilffet alles nicht.
Ebd.
63, 2
:
der also leben ist, als oben geschriben stet, der ist recht arm des geistes vnd mag wol sprechen mit dem weissagen: ›Wand ich pin ainig vnd arm‹. Es ist niemant reicher denn der mensch vnd ist niemant mechtiger vnd freier denn der, der alle irdische ding verlassen ist vnd sich selbs durch Jesum willen vnd sich für nichte scheczen.
Helm, H. v. Hesler. Apok.
2600
;
2607
;
Jostes, a. a. O.
73, 16
;
Eichler, Ruusbr. obd. Brul. I,
531
;
Banz, Christus u. d. minn. Seele
114
.
4.
dient der Kennzeichnung von Personen, die in irgendeiner Form der Abhängigkeit, Unfreiheit oder Leibeigenschaft stehen; das sind meistenteils die unteren Sozialschichten auf dem Lande, aber auch in den Städten und in den frühen Industriebetrieben; daneben können vereinzelt auch Personen höherer sozialer Schichten, Angehörige von Gruppen (z. B. Klostergemeinschaften), gemeine Soldaten, jeweils soweit sie unter einer Ordnung stehen oder sich dorthin gestellt sehen, sowie die Juden als von der jeweiligen obrigkeitlichen Gesetzgebung Abhängige als
arm
bezeichnet werden; auch auf Tiere wird das Wort angewendet: ›abhängig, unfrei, untertan; leibeigen; zins-, abgabepflichtig; den unteren Sozialschichten zugehörig, in ärmlichen Verhältnissen lebend, verelendet; bäuerlich, einfach, gering, klein‹; von Tieren: ›gequält‹. Die
Armen
(im hier behandelten Sinne) genießen zwar den Schutz der Obrigkeit, sind infolge fortwährender Übergriffe von seiten des Adels, besonders des Grundherren, in der sozialen Realität des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit de facto aber weitgehend recht- und schutzlos; in Kriegen war es üblich, den Gegner dadurch zu treffen, daß man seine offenen Dörfer, in denen die
Armen
wohnten, und die zugehörigen Fluren zerstörte. Den
Armen
werden einerseits Fleiß, Treue, Ergebenheit und ähnliche Tugenden des Untertanen zugeschrieben, andererseits werden sie immer wieder der rechtlichen und sozialen Störung verdächtigt; vereinzelt wird ihr revolutionäres Potential angesprochen; vgl. zu all diesem die Syntagmen und die Belege, vor allem die Sprichwörter sowie Bed. 6.
Bedeutungsverwandte:
(Adj.) 2, (Adj.) 1,  6, (Adj.) 1, ; , , (Adj.) 1,  2; (Adj.), ; falls substantiviert:  2, (
der
1, ,  3, .
Gegensätze:
, (Adj.) 12, (Adj.) 1. Das Substantiv sowie die Fügung (o. ä.) werden im Gegensatz zu , ,
1
, , ,
grosse hansen
(pl. t.) gebraucht.
Syntagmen:
oft subst.;
j.
(auch: Instanzen ö. ä.)
/ die a.
(
leute
o. ä.)
haben / bedrohen / berauben / brennen / kriegen / plündern / schauern / schirmen, in hunger treiben, zu den fürsten setzen, zu bürgern entfahen, aus dem miste heben, in rechten dingen bluten lassen, sich die a. leute empfolen sein lassen
;
der a.
(
man
o. ä.)
/ die a.
(
leute
o. ä.)
sitzen auf dem lande, zugehören jm., haben rechte, arbeiten, tun huldigung, tun das beste, hinbringen
(›erhalten‹)
den herren, leben in gehorsam, sein fleissig / gut / geständig, sich frei kaufen, sich der eide lossagen, in abnemen kommen, tun unrecht, verbrechen etw., vermögen das recht nicht, kommen vor gericht, verfallen dem richter, können der rede nicht erzälen, unterliegen alweg, müssen har darhalten
(›den Kopf hinhalten‹);
des a. wenig achten, zur not dürfen
;
dem a.
(
manne
o. ä.)
/ den a.
(
leuten
o. ä.)
etw. verkaufen / teilen, häuser geben, zu hilfe kommen, schaden, schaden tun, irrung bringen, abbruch tun, zu fiel schreiben
(›Lasten auferlegen‹),
etw. einbilden, gewalt geschehen, schaden wiederfaren / entstehen, verderblich / nachträglich sein
;
mit den a.
(
leuten
o. ä.)
wucher fürnemen, mutwillen treiben, etw. auf a.
(
leute
)
legen
;
a. geboren sein
;
a. man
(häufig)
/ arbeiter / bauman / bergman / knabe / geselle / knecht / schnitter, a. büffel / esel, a. gemeine, a. biene / kuh, a. kind / volk / gesinde, a. vieh, a. ehehalten / untertanen / leute
(häufig),
a. Konrad
;
a.
(
leute
o. ä.)
des herren / königs / klosters / reiches / gotteshauses / marktes
;
hoffart / arbeit / schweis / lon / beschwerde des a.
(
mannes, volkes
o. ä.),
abgang / nachteil / recht des a.
(
mannes
o. ä.).

Belegblock:

Die Belegzusammenstellung und damit die Abgrenzung von Bed. 1 erfolgt unter dem Gesichtspunkt, ob eine soziale Klassifizierung ausgesprochen oder vorausgesetzt wird:
Große, Schwabensp.
95a, 22
(Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
Eyn vorspreche de sal armer luͦte wort sprechen dorch got.
Ebd.
164a, 8
:
wer iz dar vber tuͦt, it si eyn here oder eyn arm man, der ist eyn velschere.
Lohmeyer, K. v. Nostitz
150, 3
(
preuß.
,
1578
):
Da man solche vermergkt, nort in zeiten abgeschafft, er sey reich ader arm! Die armen thun inß gemein daß beste, sein fleisig, geben euren f. g. ursache sie mit gnaden zu bedengken, welchs die scholtzen und reichen nicht thun, denn sie verlassen sich auff er gut und stoltzen müth.
Quint, Eckharts Pred.
85, 7
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Swâ nû wære ein rîcher künic, der dâ hæte ein schœne tohter, gæbe er die eines armen mannes sune.
Rudolph, Qu. Trier
397, 24
(
mosfrk.
,
15. Jh.
):
Daz sy ungelt heben von myns herrn armen luden, das nit syn ensolde.
Schmidt, St. Kastorst.
2, 186, 47
(
mosfrk.
,
1453
):
moechten die armelude von Eumptze vur mynen Herren von Catzenelnbogen komen sich tzu verantworten.
Kollnig, Weist. Schriesh.
11, 34
(
rhfrk.
,
1430
):
were es, das hern oder edellute [...] icht eygener armer lutte hetten in der zent.
Foltz, UB Friedb.
1, 289, 32
(
hess.
,
1376
):
daz sie unser armen lude eins deils zuͤ iren burgern enphaen.
Dubizmay, kurß zu Teutze
72, 11
(
hess.
,
1463
):
[er] Er- | hohet den nottigen von der | erden vnd hebet den armen | von dem miste. Das er in | setze zu den fursten [...] seynes volckes.
Röhrich u. a., Cod. Dipl. Warm.
4, 363, 20
(
omd.
,
1430
):
seynt so vil pferde unseren armen leuthen tzu und umb Heilsberg gestorben.
Luther. Hl. Schrifft. 1. Sam.
18, 23
(
Wittenb.
1545
):
Dauid aber sprach / Dünckt euch das ein geringes sein / des Königes Eidem zu sein? Jch aber bin ein armer geringer Man.
Löscher, Erzgeb. Bergr.
71, 6
(
omd.
,
1544
):
desgleichen genediklichen betrachten die abbrechunge des lohns der armen knaben.
Ebd.
147, 10
(
1554
):
Do aber arme bergkleute schechte gewältigen, do mag ihnen ein alt abgesaczt seil [...] gegeben werden.
Wattenbach, Urk. Rauden
53, 5
(
schles.
,
1408
):
das yn vnser kegenwertikeyt komen synt die Armen lewte von Matiskirchs.
Doubek u. a., Schöffenb. Krzemienica
526
(
schles. inseldt.
,
1475
):
so mus ich tuen als eyn arm man, vnd mus ir eyn awsweysunge twen.
Dinklage, Frk. Bauernweist.
41, 2
(
nobd.
,
1413
):
sal keyn herre oder dye synen, dye guͤt in dem dorfe haben, muͤtwillen dryben mit den armen luͤden von irre guͤlte.
Ebd.
44, 4
(
1451-1469
):
schol unser herschaft der thumbrobstey ir arme leut schawern und schirmen als getreulichen als ir arme lewt.
Schultheiss, Achtb. Nürnb.
152, 9
(
nobd.
,
1369
):
die Jobst Tetzels und Jacob Schlewitzers arme leut betrohet und gebrennet.
Gille u. a., M. Beheim
82, 85
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
dar zu so walt er [Crist] auch arm
[›gering‹]
sein, | das wir mit seiner klaine | Gross wurden sunder grause | und auch mit seiner armut reich.
Ebd.
82, 382
:
sy
[Christi Eltern]
warn erber und greht leüt | und worn doch arm und heten neüt | wann was sy tëglich gwunnen.
Mon. Boica, NF.
1, 142, 24
(
nobd.
,
1408
):
davon sol der eg[enant] Sewszer [...] auch gewarten mit gewoͤnlichen diensten und stewren als ander meins herren arm lewte.
Ebd.
263, 11
(
1. H. 15. Jh.
):
dy obgeschriben ecker muͤssen dy burger in der stat pawen, und dy wisen dy armen leuͤt uff dem lande meen.
Ebd.
507, 21
:
dy armen leuͤtt am Perge haben allwegen recht gehabt [...] nach tzymmer- und prennholtz zu faren.
Ebd.
707, 9
(
1434
):
hat mir sein gnode bevolhen, solich alle lehen zu casten zu nemen, doemit die armen mit den dinsten zukomen mogen.
Mon. Boica, NF.
2, 1, 17, 23
(
nobd.
,
1464
):
Ein register der guͤlte, do arme lewt sprechen, inn geschehe uͤnrecht durch das schreyben des newen lantpuchs.
Ebd.
21, 3
:
so sprechen die armen, inn geschehe uͤnrecht, wan sie so viel veldes und zwͤgehoruͤng nicht haben.
Ebd.
48, 30
:
das von fuͤnfundzweinzig guldin 18 guldin und mer auf arm lewt in dorfern legten.
Chron. Nürnb.
5, 762, 3
(
nobd.
,
1466
):
her Nicolas Muffel ist gesagt von eins seins armen wegen der mit im in irrung gestanden ist, das er sich des annemen sol.
Bührer, Kl. Renner
149
(
nobd.
, Hs.
um 1480
):
Hat ein arm man icht verbrochen | Oder ein krümbs wortt en munde gesprochen, | Der kan nymadcz genyessen.
Ebd.
270
:
Komet vor gericht ein arm man, | Der sein rede nicht wol / derczelen kan, | [...] Sein sach wirtt Im vmb gekartt.
Schade, Sat. u. Pasqu.
2, 67, 8
(
1524
):
die rechten recken haben sich geschickt und ir heg behalten, alein die armen haben verloren: die muͤßen alweg (dann ein sprichwort ist) underligen.
Enders, Eberlin
3, 37, 3
(
1523
):
so das arm volck kumpt begirig zuhoͤren Gottis wort, deren schweyß vnd arbeyt yhr fressen yn ewrem mutwillen.
Goldammer, Paracelsus.
4, 257, 21
(
1530
):
treibest das arm volk in plutigen hunger und armut, und liegen got an!
Chron. Strassb.
1, 75, 21
(
els.
,
1362
):
von den innern wurdent der armen drie erschlagen.
Ebd.
92, 3
:
waz biderbe und fridesam und sinen armen luten genedig und gut.
Barack, Teufels Netz
7867
(
Bodenseegeb.
,
1. H. 15. Jh.
):
Ain arm man der uf dem land sitzt | Und tag und nacht umb narung switzt, | Wie er sinen herren hinbringt.
Leisi, Thurg. UB
7, 485, 9
(
halem.
,
1386
):
stoͤss, so herr Eglolf von Landenberg, ritter, ze ainem tail gehebt haut mit des vorgenanten mins gnaͤdigen herren von Sant Gallen armen lúten, die in den hof ze Kesswile gehoͤrent.
Maaler
129v
(
Zürich
1561
):
Das gesatz der [...] ackerteilung der armen burgeren. Lex agraria.
Graf-Fuchs, Ämter Interl./Unterseen
562, 24
(
halem.
,
1683
):
schwere thalkosten [...] zu nicht geringer beschwärt der armen, allein von den güetteren [...] hat erhebt.
Brandstetter, Wigoleis
212, 13
(
Augsb.
1493
):
jch bin nit wigoleis sunder ein armer bauman oder dorfman.
Chron. Augsb.
4, 58, 9
(
schwäb.
,
v. 1536
):
daß sie täglich in hertzog Albrecht landt sind gefallen und die armen leut plindert und beraupt [...] hertzog Albrecht ist still gesessen [...], als gang es in nit an, oder [als ob] im die armen leut [nit] zuͦgehörten.
Ebd.
168, 30
:
für sich und die seine kostliche behaussung hat [Jacob Fugger] bauen, nit allein im zuͦ ainem lust, sunder auch armen leutten zuͦ auffenthaltung und nutz, die daran arwaitten, sich dasverbaß erneren migen.
Ebd.
5, 353, 11
(
1523
/
27
):
werden die armen lut täglich offenbaren, die zuͦ sollichem anschlag ir antzal volcks zeschicken ersucht sind.
Ebd.
7, 126, 10
(zu
1548
):
ist gleichwol dem armen povel volck, daß sie auch from und erbar sein könnden, nit abgeschlagen.
Ebd.
8, 388, 38
(
1552
):
für seine arme leuth, hausgesind, ehehalten und underthanen.
Diehl, Dreytw. Essl. Chron.
20, 6
(
schwäb.
,
1525
):
wenn man ein fyrstenn krygenn will, so krygett man die armenn leutt, die mussenn denn schadenn tragenn.
Barack, Zim. Chron.
1, 94, 18
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
nachdem im die armen leut huldigung gethan und geschworn.
Ebd.
167, 23
:
Herr Wörnher [...] hielt sich in der herrschaft mit seinen armen leuten und hündersessen [...] so wol.
Ebd.
463, 32
:
das du dir deine armen leut, gaistlich und weltlich, lassest empfalhen sein und inen nit unrecht thun.
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 227, 15
(
schwäb.
,
um 1495
):
des ranen und desen haymen halben, so die armen leuͤt und hindersaͤßen zuͦ Seflingen lang zeit auf dem hof des gotzhawß im geprauch gehabt haben.
Wintterlin, Würt. Ländl. Rechtsqu.
1, 272, 5
(
schwäb.
,
1515
):
so muͦß man mit der maß darein sehn, das es [...] den armen leuten und guetern nit verderblich [...] sey.
Niewöhner, Teichner
489, 21
(Hs. ˹
oschwäb.
,
1368
˺):
so fraug ich nit die adelhaft, | ich fraug arm luͤt da neben.
Nyberg, Birgittenkl.
1, 205, 20
(
oobd.
,
1546
):
davon wyr arme betrubtte kynntt [...] durch eur curfurstliche genaden getrost wern.
Steinberger u. a., Urk. Hochst. Eichst.
332, 15
(
noobd.
,
1346
):
daz sich mines gnedigen herren bischof Albr. ze Eyst. und sines gotzhûs arme lût alle die, die in der grafschaft gesezzen sint, si sien maier oder huͦbner oder seldner, sie sien arme oder rich, [...] verriht haûnt umb alle di klag.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
19, 15
(
tir.
,
1464
):
der [...] an sich genomen hat die gestalt des chnëchtes vnd ist armer vnd dürfftiger geporen. Er ist gewësen mër denn arm vnd dürfftig, als lang er gelëbt hat, er ist ermikleichen gestarben vnd ermikleichen pegraben.
Straus, Juden Regensb.
213, 5
(
oobd.
,
um 1475
):
zu erzelen die beschwerung der J(uden): zum ersten ir furschlag, betriegung der armen arbaiter und des gemain volks.
Ebd.
693, 1
(
v. 1499
):
Edler ... h. Hauptmann ...: wir armi tuͤhen e. g. anpringen, daz abermalds nauͤung auf uns glaynt werd.
Winter, Nöst. Weist.
1, 401, 24
(
moobd.
,
um 1450
):
Ob ain armer man auf den grünten in abnemen kämb und den grunt nimmer vermöcht und sagt dem richter auf, er sols aufnemen.
Wopfner, Bauernkr. Tirol
65, 7
(
tir.
,
1525
):
Der absager halben ist unnser beger, [...] daz man gǔt ordnǔng halt, wo ain armer man daz reht nit vermag und doch gǔt recht hab [...], will not sein, daz die herrschafft [...] im zǔ recht helff [...], damit werden vil absag und emperǔng abgestelt.
Rintelen, B. Walther
33, 8
(
moobd.
,
1552
/
58
):
das Wort und Dienst Gottes dem / armen Man [...] eingebildet werde.
Siegel u. a., Salzb. Taid.
75, 16
(
smoobd.
, Hs.
1654
/
68
):
welchem wür als eur hochfüstl. gn. etc. arm, getreu, ainfeltig gerichtsleit und underthannen in aller gehorsamb gelëbt.
Ebd.
278, 11
(
1561
/
72
):
nachdem [...] wier als die arme gmain und burgerschaft dises e.f.gn. panmarkts Zell im Pinzgew mit fürstlicher freihait [...] versehen worden sein.
Ebd.
319, 3
(
15. Jh.
):
wann ain armer man verfelt mit leib und guet ainem pfleger oder seinem richter.
˹In Sprichwörtern: Luther, WA
51, 652, 206
(
um 1535
):
An armen hoffart wisscht der teufel den ars
[›die Hoffart der Armen ist selbst dem Teufel verächtlich‹].
Ebd.
652, 195
:
Ein arm man sol nicht reich sein
[›ein Untertan soll Untertan bleiben‹, vgl.:
ein knecht sol knecht sein
, WA 2, 641, 16].
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 206, 27
(
Hagenau
1534
):
Es ist eyn Furst wol so seltzsam im hymel / als eyn hirsch in eynes armen mans kuchen.
Ebd.
2, 117, 6
(
Augsb.
1548
):
Es soll ain armer man / die Herren nicht wissen lassen / was er in seinem hause hat.
Ebd.
159, 5
:
Beraube den Armen nicht / Ob er wol Arm ist / unnd undertrucke den Elenden nicht im thor / Dann der Herr wirdt ire sache handeln / unnd wirt ire undertretter undertretten.
Henisch
108
-115 (
Augsb.
1616
):
Hummel vnd Wispen werden geehrt / die gute arme bienlin seind in hoͤchster verachtung. [...]. Die reichen oder grosse Dieb / hengen die armen oder kleinen an Galgen. [...]. Besser ein arm Kind das weiß ist / dann ein Koͤnig der ein Narr ist. [...]. Leug nicht arm Mann / es gehet die grossen Hansen an. [...]. Bleib ein armer Puͤffel / vnd maulesel / biß dich Gott herauß fordert. [...]. Ein arm Viech hat auch seine seufftzer zu Gott / in dem es seiner art nach vber die eitelkeit vnd schinderey klagt. Arme weißlein kommen so bald zu ehren / als die in grossem pracht erzogen werden. [...]. Ein arm Mann ist kein Graff. [...]. Newe find kommen von armen leuten
[Hinweis auf die Möglichkeit sozialer Unruhen, die von der Unterschicht ausgehen].
[...]. Mit den armen sterckt man das recht. [...]. Man lest kunst arm vnd gelehrt sein. [...]. Ein armer der vil hoffart treibt / Ein knecht der nicht in dienste bleibt. [...]. Was die Herren suͤndigen / das buͤssen die armen. Der Herren lust / ist armer gesellen vnlust. Was Herren thun ist alles gut / Vnrecht alles was der arme thut. [...]. Der armen trost ist / das Gott selbst auff Erden auch arm
[eher ›gering‹ als ›arm‹]
gewesen ist. [...]. Der grossen Herren pracht / Jst armer leut ohnmacht. Wo ein Pawr ein Herr wirdt / da gehets vber arme leut. [...]. Es hindert niemand / das ein armer Conrad heist. Grosse Herren vergessen armer leut bald. [...]. Es ist jetzunder leider sitt / Dem armen thut man glauben nicht. Vnd ob sich find die warheit schon / Doch muß er weit dahinden stohn. Der armen acht man wenig / man doͤrffe dann jhr zur noth. Wann die Herren einander rauffen / so muß der arm das har darhalten. Der krieg gehet allein vber armer leut seckel. [...]. Man gibt dem armen allzeit das hartest end am strick. Gewalt geschicht manchem armen Knecht / Wenn man zu gar sehr scherpffet das recht. [...]. Der armen Kuh muß man melken / nicht schinden. [...]. Wer arme leut nicht will hoͤren / Der taugt nicht zum regieren. [...]. Wenn man arme leut thut sehr beschweren. So ist jhnen Gottes hilff nicht feren. [...]. Arme leut wohnen in kleinen Haͤusern. Kem ein armer ins Schlauraffenland / so wer er doch arm. [...]. Groß gut dient armen vñ geringen leuten nicht / die nicht land vnd leut zu vertretten / vnd zu beschuͤtzen haben.
˺
Lohmeyer, a. a. O.
3, 3
;
159, 9
;
Rudolph, a. a. O.
439, 5
;
Palmer, Tondolus
1274
;
Kollnig, a. a. O.
101, 14
;
Foltz, a. a. O.
608, 2
;
663, 19
;
v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe S.
691
;
Grosch u. a., a. a. O.
207, 10
;
Bindewald, Texte schles. Kanzl.
23, 18
;
Schultheiss, a. a. O.
99, 8
;
Dinklage, a. a. O.
105, 30
;
114, 14
;
Steinberger u. a., Urk. Hochst. Eichst.
742
;
Mon. Boica, a. a. O.
1, 467, 24
;
2, 1, 3, 19
;
115, 11
;
Goldammer, a. a. O.
5, 119, 5
;
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
1, 599
;
Chron. Strassb.
1, 84, 23
;
Gilman, a. a. O.
2, 149, 29
;
203, 11
;
Barack, a. a. O.
8180
;
Rennefahrt, Statut. Saanen
305, 19
;
Müller, Alte Landsch. St. Gallen
57, 35
;
Welti, Stadtr. Bern
694
(dort detaillierte Sachangaben);
Graf-Fuchs, a. a. O.
433, 16
;
Edlib. Chron.
18, 17
;
Leisi, a. a. O.
8, 604, 14
;
Müller, Grafsch. Hohenb.
1, 237, 22
;
Hipper, Urk. St. Ulrich
315, 4
;
Chron. Augsb.
7, 92, 20
;
8, 359, 1
;
Roder, Hugs Vill. Chron.
56, 21
;
Müller, Grafsch. Hohenb.
2, 119, 10
;
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 756, 55
;
Nyberg, a. a. O.
1, 305, 21
;
Mell u. a., Steir. Taid.
38, 7
;
Siegel u. a., a. a. O.
111, 3
;
Winter, a. a. O.
3, 400, 6
;
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
212, 32
;
218, 16
;
Staub, Qu. Wien
3, 2, 2492, 15
;
Dasypodius
290v
;
Maaler
29v
;
Hulsius A iijr;
Aland, Lutherlexikon 6;
Rwb
1, 821
-824;
Preuss. Wb. (Z) 1, 202;
Pfälz. Wb.
1, 329
;
Schwäb. Wb.
1, 315
-319;
Schweiz. Id.
1, 454
-456;
Schmeller/F.
1, 143
;
Öst. Wb.
1, 340
. – ˹Sachangaben:
Obenaus, St. Jörgenschild.
1961, 29
-31;
Bader, Dorf als Friedensbereich.
1957, 57
˺.
Vgl. s. v.  3,  1.
5.
›als Bettler im Lande umherziehend‹.

Belegblock:

Wintterlin, Würt. Ländl. Rechtsqu.
1, 344, 25
(
schwäb.
,
1666
):
da arme leut gegen Holenstain gebracht oder gefiert werden, so sollen die söldner dieselbige erhalten, aber die pauren selbige wider hinwekzufieren schuldig sein.
Ebd.
552, 10
.
6.
›untreu, böse, unehrlich‹ als eine dem Armen (im Sinne von 4) zugeschriebene Qualität.
Bedeutungsverwandte:
(Adj.) 6, .
Gegensätze:
(Adj.) 3, ,  4.

Belegblock:

Lohmeyer, K. v. Nostitz
155, 1
(
preuß.
,
1578
):
beide hern betrogen wurden sein, nicht von armen, sünder von denen, die fur die treusten und besten gehalten wurden.
Maaler
29v
(
Zürich
1561
):
Arm vnnd ein boͤser haußhalter / Arm vnd nichts dester minder guͤdig oder vertrouͤyig.
Rudolf, H. v. Langenstein. Erch.
48, 13
(
moobd.
,
1393
):
Es ist gelobt, das man armen lewten misseuelt vnd des verurtailten menschen vrtail hat chain chraft nicht [...]. Dir schol als vnwert sein, das dich pös lewt lobent.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
202, 45
(
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
do sein gnad wider inn hoff gen woltt, khamen funfftzig oder sechtzig poser, schnoder, armer puebn seinen gnadn entgegn.
7.
›erbärmlich, verachtenswert (von Handlungen)‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  1.

Belegblock:

Henisch
112
(
Augsb.
1616
):
Ein armes ist es / Suͤnden / noch aͤrger ist darinn lusthaben / das aller aͤrmest die suͤnd entschuldigen.
8.
phrasematisch am ehesten an 4 anzuschließen:
mit seinen armen leuten abziehen
›unverrichteter Dinge abziehen‹; in beiden Belegen obszön gebraucht.

Belegblock:

Barack, Zim. Chron.
2, 638, 2
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Der het sein beschaidt und zoge wider ab mit seinen armen leuten.
Ebd.
3, 264, 34
:
Also muest der könig dozumal mit seinen armen leuten abziehen.
9.
in polarer Paarformel, meist:
arm und reich
, selten:
arm als reich, arm oder reich
, vereinzelt:
arm, reich
, für die Gesamtheit der Personen einer Bezugsgruppe sowie für jede einzelne Person aus der Gruppe gebraucht: ›sämtlich, alle zusammen; jedermann, jeder einzelne, jeglicher‹; oft substantiviert; oft dem übergeordneten Subst. nachgestellt; oft unflektiert und dann (vor allem in Verbindung mit der Nachstellung) formelhaft; in einer Reihe von Belegen zusammen mit anderen polaren Formeln wie
jung und alt, gut und böse, man und weib, herren und knechte, fremde und einheimische
gebraucht; einige Male Verschiebung der Bezugsgröße von Personen auf eine mit Personen in einer Kontiguitätsbeziehung stehende Größe, vgl. die Syntagmen. Die Paarformel ist teils an 1-3, teils an 4 anzuschließen; oft läßt die semantische Isolierung keinen sinnvollen Anschluß zu (vgl. die Belege).
Bedeutungsverwandte:
vgl.
2
(Adj.) 12.
Syntagmen:
a. und reich gelten gleich, haben sitze, tragen bürde, reiche und a. beieinander sein
;
etw. a. und reichen gleich liegen, dem a. und reichen gleich messen, dem a. als dem reichen recht tun / ergehen lassen
;
etw. mit dem reichen als mit dem a. halten, etw. vor a. und reich offenbaren
;
arbeiter / bürger / herren / toren, a. und / oder reich
bzw.
reich und / oder a.
;
reicher und a. nuz / frommen / notdurft, a. und reiches einkommen
;
nuz / frommen a. und reicher
(›jedermanns Nutz‹);
algemeiniglich a. und reich, alle a. und reich, beide a. und reich
; formelhaft:
er sei a. oder reich
›er sei, wer er wolle‹.

Belegblock:

Chron. Köln
2, 566, 8
(
Köln
1499
):
macht sich ein iglicher up, beide arm ind rich, ind liefen heimwart zo sime harnesch.
König-Beyer, Reichenb. Stadtb.
2, 3
(
nböhm.
,
1542
):
das eyn burgermeister [...] gar keyne register vber arm vnd reich einkohmen [...] konnen vorlegen.
Lemmer, Brant. Narrensch. Vorr.
59
(
Basel
1494
):
Hie findt man doren arm vnd rich | Schlym schlem / ein yeder findt sin glich.
Fuchs, Murner.
4
Ketzer 4232 (˹wohl
Straßb.
˺
1509
):
Saͤcht zuͦ, ir armen vnd ir richen, | Das ir nit von der frummkeit wichen.
Müller, Nördl. Stadtr.
54, 8
(
schwäb.
,
1385
):
daz dehainer, der unser stat kind ist, armer noch richer in ewig zit nicht pharrer werden sol in unser stat.
Brunner, Rechtsqu. Krems u. Stein
64, 26
(
moobd.
,
1402
):
daz wir in durch [...] reicher und armer nutz und frumen willen die zwen jarmerkht geruchten [...] zu geben.
Ebd.
164, 37
(
1505
):
daz sy dem armen als dem reichen und dem reichen als dem armen ain geleiches recht ergeen lassen.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
268, 20
(
m/soobd.
,
16. Jh.
):
die absprüch sollen geschechen treulich, arm und reich, jeden nach seiner tatt.
˹Sprichwörtlich: Gilman, Agricola. Sprichw.
2, 162, 30
(
Augsb.
1548
):
Reich und Arme muͤssen beyainander sein / der herr hat sie alle gemacht. Das gehoͤrt gemainen fride unnd einigkait zuͦ erhalten / Der Reiche verachte den Armen nicht / Dann sein reichtumb ist ain Gottes gabe / und nicht sein kunst / fleiß oder arbait / Deßgleichen so sol der Arme den Reichen nicht anfeinden / dann seine Armuͦt ist auch von Got.
Henisch
112
(
Augsb.
1616
):
Arm vnd Reich gesellen sich nicht wol. Arm vnd Reich gehet selten gleich. [...]. Arm vnd Reich / der Todt macht gleich.
˺
Müller, a. a. O.
12, 31
;
Froning, Alsf. Passionssp.
7068
;
Behrend, Magd. Fragen
34, 21
;
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
32, 45
;
Luther. Hl. Schrifft. Spr.
22, 2
;
Dinklage, Frk. Bauernweist.
21, 20
;
89, 46
;
105, 32
;
Fuchs, Murner. Geuchmat
4923
;
Koller, Ref. Siegmunds
199, 21
;
206, 7
;
Klein, Oswald
11, 125
;
Rwb
1, 822
-823;
Lefftz, Die volkstüml. Stilelemente in Murners Satiren
28
.
Vgl. s. v.  6,  2,  1,
1
 5,
2
 1.
10.
›bemitleidenswert, bedauernswürdig, erbarmenswert‹; die Gründe können unterschiedlich sein: Verlassenheit, Mißhandlung, hilfloses Ausgesetztsein, religiöse Sachverhalte, dementsprechend kann auch ›verlassen; mißhandelt; ausgesetzt; ohne geistlichen Trost‹ u. ä. angesetzt werden mit Verschiebung auf Bezugsgrößen, die mit dem Menschen in Kontiguität stehen:
a. tage, a. jamer, a. elend.
Bedeutungsverwandte:
(s. v. ), (Adj.) 2; vgl.  1.
Syntagmen:
den a.
(subst.)
niederwerfen
;
sich über den a. neigen
;
a. man / graf
, zum Ausdruck bedauernder Haltung:
a. teufel / schlucker, a. weib / tier.

Belegblock:

Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
15, 16
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
Eia Got, aller betrübten herzen tröster, tröste mich und ergetze mich armen, betrübten, ellenden, selbsitzenden man.
Henschel u. a., Heidin
1561
(
nobd.
,
um 1300
):
Wer in einseit zemte | Vnd doch anderseit lemte | Als dem armen graven waz.
Gille u. a., M. Beheim
99, 187
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Dis armen warff man nider, | man slug etlichem auss dy zend.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
2, 241, 10
(
Nürnb.
1517
):
Der ist arm und uberarm, dem meer gefallen die erwelten ding von im selbst dann die gebotten von got.
Sachs
17, 80, 6
(
Nürnb.
1553
):
Wo solt ich armer schlucker nauß | Den affterwinter halten hauß?
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 554, 17
(
Hagenau
1534
):
Eyn blind man / eyn arm man / noch ist das vil eyn armer man / der sein weib nicht zwingen kan.
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew.
50, 6
(
Straßb.
1650
):
Ach daß es Gott erbarme, sprach sie, ich armes elendes Weib, was soll ich thun?
Adrian, Saelden Hort
35
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
daz wil ich sunder valschen ruͦn | dur Got und och ze dienst tuͦn | den edelan richan arman, | die ús da sont erbarmen: | ich main frowen und man | die bi in selten mugent han | die mess und die predien | von den evangelien.
Sappler, H. Kaufringer
13, 242
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
da ward der pfaff ain arm man
[er wurde entmannt].
Klein, Oswald
116, 37
(
oobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
Ir armen tier, nu raumt eur hol, | get, sücht eur waid, gehabt eu wol!
Voc. inc. teut. b IVr (
Speyer
um 1483
/
84
):
Armer der v’lassen ist miser.
Asmussen, Buch d.
7
Grade 486;
873
;
Sappler, a. a. O.
21, 68
;
Fischer, Eunuchus d. Terenz
67, 12
;
174, 7
;
Maaler
29v
;
Dietz, Wb. Luther
115
.
11.
›ohnmächtig, hilflos, gebrechlich, schwach, gering (von Menschen, menschlicher Kraft, natürlichen Gegenständen gesagt)‹;
vgl.  7,  1.
Bedeutungsverwandte:
 2, (Adj.) 1; vgl. , , , .
Syntagmen:
mensch / natur der sele a. sein
;
a. mensch / zauch / dienst / hochmut / sin, a. milbe / schabe / natur / macht / gewalt / schöpfung, a. gebet.

Belegblock:

Asmussen, Buch d.
7
Grade 149 (
nobd.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
wil ich, herre, in deinem / namen | in disem tieffen wage den hamen | meiner armen sinne senken.
Ebd.
1606
:
Waz maht du denne minne haben | zu uns armen milben und schaben, | die nimmer kainer slahte / gut | tun von unser selbes mut.
Gille u. a., M. Beheim
161, 413
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
doch wil ich vil armer czauch | auch hin mit meines lobes prauch | fur dringen als ein distel rauch.
Langen, Myst. Leben
202, 6
(
nobd.
,
1463
):
Etlich clausnerin sprechen: Ach, ich pin also gar kranck in der natur, ich muß mir recht selber zw hilffe kumen vnd muß mit den leuten reden. Ach du arme natur, wie du dich findest in des teufels rat!
Vetter, Pred. Taulers
121, 34
(
els.
,
14. Jh.
):
das der arme usser mensche trege und slefferig und ungefuͤget ist zuͦ allen dingen.
Steer, Schol. Gnadenl.
1, 538
(
noschweiz.
,
15. Jh.
):
also bedoͤrfte der mensche kainer gnad, die jm hulfe stritten wider die súnde. Die andren lerer dunket, daz dú natur der sele als arm nit en sigi, das si uon ir selber nit en moͤge weder warheit noch gerechtigkeit bekennen on gnade.
˹Sprichwörtlich: Henisch
109
(
Augsb.
1616
):
Leinen hosen vnd ein Strohut / Ist im Winter ein armer hochmuth
˺.
Klein, Oswald
35, 17
(
oobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
Wie ward die nacht mit armer macht so wol bedacht | durch dein göttliches wunder.
Luther, WA
41, 668, 21
;
Asmussen, a. a. O.
918
;
1544
;
Gille u. a., a. a. O.
22, 6
;
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
6, 12
;
14
;
Vetter, a. a. O.
98, 19
;
Ukena, Augsb. Hl. Kreuzsp.
3995
;
Dietz, Wb. Luther
115
.
12.
›krank, schwach, gebrechlich‹; speziell zur Kennzeichnung der in einem Siechenhaus Untergebrachten.
Bedeutungsverwandte:
, (Adj.) 3; vgl. .
Syntagmen:
oft subst.;
erhaltung der a., haus der a.
;
a. im hospital, a. leute des siechenhauses.

Belegblock:

Schmidt, Frankf. Zunfturk.
1, 62, 7
(
hess.
,
1590
):
den armen im hospital alhie alle quartal jederm ein stück flaisch, ein weißbrodt und ein echtmaß weins zu geben.
Boner, Urk. Brugg
86, 21
(
halem.
,
1431
):
setzen einen halben muͥtt kernen jerlichs vnd ewiges geltes alles gewisses armen luͥten an ein spend.
Chron. Augsb.
4, 99, 1
(
schwäb.
,
v. 1536
):
Hie in der stat Platterhaus sind 100 armer menschen gewessen. hat in ain besunder haus gepauen.
Ebd.
8, 149, 19
(zu
1562
):
daß er alles, was er dem Spital und den armen leuten abgetragen und abgenomen hat, wider erlegen [...] soll.
Niewöhner, Teichner
289, 1
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
Ist der nicht ein arm man | dem ein siechtum hanget an, | daz er waiz chain wider cher.
Bauer, Zist.-Pred. Haller
63, 396
(
tir.
,
1466
):
Es ist kchain armer vnd geprechenhafftiger in dem selligen haus.
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
326
;
Boner, a. a. O.
342, 6
;
Schwäb. Wb.
1, 315
;
Rwb
1, 822
.
13.
für Personen gebraucht, die der Folterung unterliegen, vor der Verurteilung stehen oder bereits verurteilt wurden: ›gefoltert, angeklagt, verurteilt‹; von Christus: ›gekreuzigt‹.
Syntagmen:
oft subst.;
den a.
(
man
o. ä.)
/ die a.
(
leute
o. ä.)
gefangen nemen / fragen / martern / peinigen / verurteilen / wegfüren / richten, dem (-)richter befelen, auf die richtstat bringen, aus dem stok erledigen
;
der a.
(
man
o. ä.)
vor gericht kommen, laugnen, der sprache begeren, wunden haben, niederknien
;
dem a. das haupt abschlagen
;
a. man / dieb / herre
;
der a. im eisen
;
anwalt des a.

Belegblock:

Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
1127
(
mrhein.
,
um 1335
):
Armer man
[der Schächer am Kreuze],
waz spottes du sin?
Kohler u. a., Bamb. Halsger.
72, 1
(
Bamb.
1507
):
So der arm, den man fragen will, geferlich wunden het.
Ebd.
117, 4
:
so sol der Richter seinen stab zuprechen vnd den armen den Nachrichter bevelhen.
Kohler u. a., Peinl. GO Karls V.
97, 3
(o. O.
1532
):
so der nachrichter den Armen vff die Richttstatt pringt.
Chron. Augsb.
3, 205, 11
(
schwäb.
,
E. 15. Jh.
):
als die drei gesellen für recht gefuͤrt wurden, hat man über sie verlesen ir verjehung, da begerten die armen ainer sprach.
Ebd.
437, 14
:
als in der hencker im auffsteygen der laytter ermanet, keckh zuͦ sein und ainen herrn schaldt, hat er gesagt: ‘ach got, wol bin ich so ain armer herr worden!’
Ebd.
4, 146, 11
(
v. 1536
):
er ist ain hörter, strenger mann gewessen gegen armen leutten an der wag, die man gemarterot und peiniget hat.
Ebd.
6, 23, 14
(
schwäb.
,
1520
):
[Jorgen Mair] hett auch ain grossen lust und freud gehabt, die armen in den eisen zuͦ fragen und zuͦ peinigen.
Henisch
111
(
Augsb.
1616
):
Gefangen mann / arm mann.
Klein, Oswald
114, 89
(
oobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
sein leib, gebain in ainen stain | gesteckt an barm, so ward der arm, | da flosst du, Maria, dein trost.
Kohler u. a., a. a. O.
124a, 1
;
Dies., a. a. O.
96, 4
;
103, 2
;
Rwb
1, 824
;
Schwäb. Wb.
1, 318
;
Öst. Wb.
1, 341
.
14.
›sündig, erbarmenswürdig, erlösungsbedürftig, verloren (jeweils im Sinne der christlichen Religion); dem Fegefeuer ausgesetzt; zur Hölle verdammt‹.
Vorw. religiöse und didaktische Texte.
Bedeutungsverwandte:
(Adj.) 3, ; vgl.  1,
1
 17.
Syntagmen:
der a.
(subst.)
sich trösten
;
a. sele
(häufig)
/ kreatur, a. sünder
(häufig)
/ gast / mensch
;
vater der a.

Belegblock:

Froning, Alsf. Passionssp.
459
(
ohess.
,
1501ff.
):
myr willen widder in die helle, | die armen sele syden und qwellen.
Lauchert, Merswin
3, 25
(
els.
,
1352
/
70
):
dv arme creature vnd dv armer mensche, wie bist dv so gar dorehte vnd so gar dvmp gesin, das dv ane gesehen hest zit fv́r ewikeit.
Vetter, Pred. Taulers
161, 32
(
els.
, Hs.
1359
):
Das ist der armen selen in dem qwellende als ungeloͤiplich.
Hauber, UB Heiligkr.
2, 53, 39
(
schwäb.
,
1411
):
daz sy fuͥr die armen selan bitten suͥllent die in liden des vegfuͥrs sínt.
Henisch
110
(
Augsb.
1616
):
Zwey ding weiß ich / ein armer Suͤnder bin ich / Gott ist barmhertzig / das eine bekenn ich / das ander glaub ich / Gott ist mir Suͤnder gnaͤdig. Was Gott armen Suͤndern auß gnaden erlast / vnnd außstreicht / das hat jhnen kein Teuffel zu vergeben.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
10, 107
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
pit unsern herren Jesum Christ, | das er uns arme sünder frist | vor allem, das uns schedlich ist.
Klein, Oswald
1, 114
(
oobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
ach we der engestlichen not! | und waiss nicht, wo mein arme sel hin fert.
Rudolf, Peuntner. Sterbek.
151ra, 30
(
moobd.
,
n. 1434
):
erparm dich uͤber dein arme creatur, die du auss deiner lieb beschaffen hast.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
24, 6
(
tir.
,
1464
):
we eüch, ir armen menschen, was tüet ir? Welt ir nicht gedenkhen, das ir den leichennam zerstört vor der zeit des natürleichen todes vnd die arm sël töten seit?
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
4, 2
(
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
Doch wayss Got am pesten, [...] wie es den armen selen erget, die in der zayt verschaiden sint.
Kehrein, Kath. Gesangb.
1, 3, 1
;
3, 147, 14
;
Jahr, H. v. Mügeln
1555
;
Gille u. a., M. Beheim
23, 46
;
69, 54
;
Euling, Kl. mhd. Erz.
813, 687
;
Vetter, a. a. O.
43, 23
;
340, 29
;
Sappler, H. Kaufringer
16, 343
;
Spechtler, a. a. O.
35, 4
;
Bauer, Zist.-Pred. Haller
1, 7
;
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
72, 37
;
100, 9
;
Wmu
1, 129
.
15.
›armselig, kläglich, schlecht, das übliche Maß an Größe, Qualität usw. nicht erreichend‹; je nach Bezugsgröße z. B.: ›abgetragen‹ (von Kleidern, dazu bdv.: vgl. ); ›geringhaltig‹ (von Erzen, dazu bdv.: , , Adj.); ›schlecht‹ (von Wein); ›klein‹ (von Häusern, Gebrauchsgegenständen, dazu bdv.: , Adj.); hierher phrasematisch:
die arme scheibe salz
›Scheibe (Maßeinheit) halleinischen Salzes‹ (Rwb
1, 829
für 1348); im Gegensatz zum
reichen = Reichenhallischen
Salz, so Schmeller/F.
1, 143
; 2, 357).
Bedeutungsverwandte:
 2,  2,  2; vgl. (Adj.) 1,  2.
Gegensätze:
, .
Syntagmen:
a. tisch / wein, a. gut / haus / kleid
;
a. an erz / silber / kupfer.

Belegblock:

Gille u. a., M. Beheim
82, 157
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Van dises sternes füren dy | mehtigen durchleuhtigsten hie | kamen gen Bethlaheme | In das arm heuslein drate.
Chron. Nürnb.
4, 315, 22
(
nobd.
,
15. Jh.
):
der wein 8 und 10 ₰ und was armer wein.
Voc. Teut.-Lat. b VIr (
Nürnb.
1482
):
Armes klayde. od’ hader. serutum.
Maaler
29v
;
Henisch
109
;
Schweiz. Id.
1, 454
-456;
Veith, Bwb.
28
;
Meyer, Legenda aurea.
1939, 86
.
16.
als Phrasem
arme ritter / arme ritler
›in Milch geweichte, dann in Ei und geriebener Semmel panierte und in heißem Fett gebackene Weißbrotscheiben‹; in moderner Mundart auch in der Form
armer Mann
für unterschiedliche einfache Speisen gebraucht (vgl. Schweiz. Id.
1, 454
; Schwäb. Wb.
1, 315
; Bad. Wb.
1, 71
; Schmeller/F.
1, 843
); an 4; 15 anschließbar.

Belegblock:

Hajek, Gůte spise
51
(
rhfrk.
/
nobd.
,
um 1350
):
Man [...] snit denne aht snitten armeritlere vnd backe die.
Henisch
108
(
Augsb.
1616
):
Arme Ritter / Brotküchlin / schnitten / guldene schnitz.
Stieler, Sprachsch.
55
.