anrüren,
V.
1.
›jn./etw. berühren, anrühren, anfassen‹; in der Fachsprache der Mathematik: ›berühren, schneiden‹.
Bedeutungsverwandte:
; vgl. ;  1,  1,  1.
Syntagmen:
jn.
(z. B.
die fraw, das kind, den menschen
)
a.
;
etw.
(z. B.
die materie / wolke, den riemen / sarg / saum, das gelenk / ros
)
a.
elliptisch: ›schwören‹ (aus:
die bibel, den gerichtsstab a.
); ˹ütr.:
das reich a.
›das Reich angreifen‹;
die weide a.
›an eine Weide angrenzen‹;
anstösser / anwänder a.
›benachbart sein‹˺.

Belegblock:

Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
161, 13
(
rhfrk.
,
um 1435
):
Jch han gar ein güt roß / das ist als hoffartig / das es sich nit wil lassen anrüren ich rure es dan selber an.
Luther. Hl. Schrifft
1. Mose 3, 3
(
Wittenb.
1545
):
von den früchten des Bawms [...] hat Gott gesagt / Esset nicht da von / rürets auch nicht an.
Scholz, Lanfrank. Chir. Parva
230v, 2
(
md.
/
oobd.
,
1446
/
8
):
wart das du dy / hertte materie [!] nicht an rurest.
Gille u. a., M. Beheim
111, 273
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
sy das new porn kindlin da nur anrüren pegane.
Gerhardt, Meister v. Prag
38, 4
(Hs. ˹
nobd.
,
1477
˺):
da legt man sie im in die gassen vnd paten in das sie anrurten den saume seines gewandes.
Dietrich. Summaria
23r, 38
(
Nürnb.
1578
):
Christus hie huͤlfft allerley krancken / die zu jm gebracht wurden / vnd nur sein kleid anruͤrten.
Lauchert, Merswin
14, 4
(
els.
,
1352
/
70
):
ich bin nv́t wirdig, daz ich ime sinen schuͦch riemen anervͤren solte.
Lauater. Gespaͤnste
19r, 2
(
Zürich
1578
):
daß einer meint er saͤhe vnghür / habe es ghoͤrt / habe es angruͤrt.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
81, 29
(
oobd.
,
1349
/
50
):
seind diu kelten sänfticleichen anrüert diu wolken, sô macht si klaineu tröpflein auz gar klaineu stükleinn des dunstes.
Kehrein, Kath. Gesangb.
1, 372, 41
;
Karsten, Md. Paraphr. Hiob
104
;
Hübner, Buch Daniel
6619
;
Scholz, Lanfrank. Chir. Parva
236r, 1
;
Gille u. a., M. Beheim
42, 41
;
82, 628
;
195, 102
;
Gerhardt, Meister v. Prag
46, 4
;
Päpke, Marienl. Wernher
13930
;
13940
;
Bachmann, Haimonsk.
38, 33
;
Lauater. a. a. O.
18v, 23
;
Fischer, Eunuchus d. Terenz
145
;
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
46, 22
;
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
192, 24
;
Schöpper
37a
;
Maaler
25r
;
Ulner
318
;
Dietz, Wb. Luther
1, 96
;
Schwäb. Wb.
1, 249
;
Rwb
1, 707
;
Reiner, Terminologie math. Werke.
1960, 51
;
Schweiz. Id.
6, 1260-1261
.
2.
›jn. treffen, verwunden‹; anzuschließen an 1.

Belegblock:

Roth, E. v. Wildenberg
113, 17
(
moobd.
,
v. 1493
):
Ludbig der elter ward zu Nürmberg in einem hof angeruͦrt mit dem spere [...], das er starb.
3.
›bis zu etw. heranreichen, hinreichen, etw. erreichen‹.

Belegblock:

Morgan u. a., Mhg. Transl. Summa
59, 29
(
schwäb.
,
14. Jh.
):
daz etwer anrüeret daz allerhöste der gnaden.
Brévart, K. v. Megenberg. Sphaera
9, 22
(
noobd.
,
1347
/
50
):
daz feur ruͤrt an des monen himel.
4.
›etw. (in einem Topf) verrühren‹.

Belegblock:

Schmitz, Schiltb.
119, 6
(
Frankf.
1597
):
liessen sie den Senff also bald anruͦren vnnd Ruͤsten / inn einem nagel newen Hafen.
5.
›jn. zu etw. bewegen, einen Anstoß zu etw. geben; berühren (im ütr. Sinne)‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  5,  5,  2,  2.

Belegblock:

Quint, Eckharts Pred.
2, 259, 7
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
suln dîniu werk leben, sô muoz dich got inwendic anrüren in dem innigesten der sêle.
Türk, Wortsch. Dietr. v. Gotha.
147b
(
thür.
,
1385
):
duͦ in salt ouch domite nicht ane ruͦre, do vone din hertze moge gekrenkit werde.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
2, 203, 12
(
Nürnb.
1517
):
Nun ist aber des geists antastung ein anrürn der lieb des breutigams zu der liebe der breut, des geists zum geist.
Hohmann, H. v. Langenstein. Untersch.
13, 35
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
ob got mer trift vnd anruͤrt die hertz der obristen.
Quint, a. a. O.
259, 5
;
Hohmann, a. a. O.
2, 52
;
3, 90
.
6.
›jn. betreffen, angehen; sich auf etw. beziehen‹.
Bedeutungsverwandte:
 3; vgl. , .

Belegblock:

v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe
765, 15
(
thür.
,
1421
):
der konigk sprach selbir „Das zeichen ruret unss an“.
Pyritz, Minneburg
3975
(
nobd.
, Hs.
um 1400
):
Daz nieman getar gelauben niht | Dem andern keinerley geschicht, | Daz uch, fraw Mynne, an ruͤret.
Chron. Augsb.
2, 347, 22
(
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
das dieselbe stallung dise sache nit anruͤre, wann sy allain die byschoffe antriffet.
Welti, Stadtr. Bern
142, 25
(
halem.
,
um 1400
):
doch muͥgen wir dar vnder legen daz vͥnser stat an ruͤret.
Siegel u. a., Salzb. Taid.
242, 21
(
smoobd.
, Hs.
17. Jh.
):
welcher zu dem andern zu clagen oder zu rechten hab, das anrüer aigen oder lehen.
Chron. Köln
1, 2385
;
Cirullies, Rechtsterm. Anh.
1981, 93
;
Koller, Ref. Siegmunds
348, 15
;
Chron. Augsb.
1, 163, 19
;
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
132, 16
;
Brinckmeier
1, 109
;
Schwäb. Wb.
1, 249
;
Schweiz. Id.
6, 1260-1263
;
Rwb
1, 707
.
7.
›etw./jn. (in die Erzählung) einführen, von etw./jm. handeln‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  3.

Belegblock:

Roloff, Brant. Tsp.
13
(
Straßb.
1554
):
Nun seind wir des willens aber nun | Dergleichen anzeig euch hie zuͦ thuͦn | Und Hercules zuͦm theyl anruͤren | Doch etlich new matery infuͤren.