abtun,
V.,
unr. Zusammengehörig im Bedeutungsfeld sind 1 und 2; 3-5; 8-11. Zur sehr weitgehenden Ausdifferenzierung der auch rechtssprachlichen Verwendungen (vor allem unter 2, 4, 5, 7) vgl. ; zu einer stadtsprachlichen Ausprägung des Feldes:
Wrede, Aköln. Sprachsch.
53a
–54a; ausgeprägtes idiolektales Feld bei
Dietz, Wb. Luther
.
1.
›etw. (Kleidungsstücke, auch Zeichen, z. B. einer Würde) ablegen‹.
Bedeutungsverwandte
1. Nuance:  14; vgl.  1.
Gegensätze:
 11. Nuance: .

Belegblock:

Frantzen u. a., Kölner Schwankb. (
Köln
um 1490
):
He sprach: „Die fayl
[Schleier]
niet aff en do, | Kateringijn, ganck myr fort altzo hant | Zo myner suster“.
Bachmann, Haimonsk. (
halem.
,
1530
):
ich bit dich, daz du disse kleydung abthüegest.
Gille u. a., M. Beheim
99, 879
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
under seinem hute | het ir yeglicher ain peret | und heublein das er nit abtet.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
Er tet oft das römisch und welsch klaid ab, beclaidet sich auf die teutschen monir.
Von Zeichen: ˹ Bömer, Pilgerf. träum. Mönch (
rhfrk.
,
um 1405
):
Zum aller mynnesten saltu abedun | Und nyderlegen dinen groben stab grune.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
der [bischoff] erlabet in, daß sie [kötzer] die gelben creutz abtetten.
Guth, Gr. Alexander (Hs. ˹
oobd.
,
E. 14. Jh.
˺):
Tu ab daz golt fein | Und daz edel gestain.
˺
2.
›etw. (z. B. eine Haltung) aufgeben, etw. (z. B. eine Gewohnheit) ablegen, von etw. ablassen; auf etw. (z. B. Rechte) verzichten; sich e. S. entziehen, sich von etw. freimachen, sich e. S. / e. P. entledigen‹; Ütr. von 1.
Bedeutungsverwandte:
 10, ; vgl.  3.
Syntagmen
meist mit Gen. d. P. oder S., refl.:
sich der hochfart / fure / lüge / liebe / rede / e / geselschaft / welt / metze / dirne, des werkes / wuchers / glaubens / geldes / reiches / gewaltes / regimentes / kindes / weibes a.
; selten mit Akk.:
die klage / missetat / arglist / gewonheit a.
; feste Wendung:
hand a.

Belegblock:

Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
Man sol de wůchere manen, daz Se sich des wůchers abe tůn.
Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
waz er wart darûf gemant | [...] | daz er sich abetête | und vorzigge der geschicht.
Quint, Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
swer wil komen ze mir, der sol sîn selbes ûzgân und verzîhen und sol sîn criuze ûfheben, daz ist: er sol abelegen und abetuon allez, daz criuze und leit ist.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
963
(
rib.
,
1444
):
Dat yr de werelt neit sere en prijst | Ind uch der zo male doit ave.
Wyss, Limb. Chron. U (
mfrk.
,
1387
):
alse dicke dez not ist, alle argelist unde geverde abegetan.
Henschel u. a., Heidin
1673
(
nobd.
,
um 1300
):
Vrow tvt evch der fvr abe.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
lúte die einer valscher lidikeit phlegent und tůnt sich aller wúrklicheit ab.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
Tůnt úch abe menschlicher heimliche, so werdent ir gewerlich innen goͤttelicher heimliche.
Adrian, Saelden Hort
4338
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
so wil ich wider | zů dir keren als der knab, | mich tůn óder ding ab, | der doch mag werden nieman sat.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
so wöll er furo davon hand abtun noch sich des von Nenningen in den sachen mer annemen.
Haltaus, Liederb. Hätzlerin (
schwäb.
,
1471
):
Dann wer ain v̈bel weib hab, | Der tü sich ir by zeitt ab | Vnd chauff ain gůt past | Henck sy an ainen ast.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Hie mit wůchs der werde knabe | Und wart der kint sich tůn abe | Und altersaine dike gan.
Drescher, Hartlieb. Caes. (
moobd.
,
1456
/
67
):
ob er ichts mailigs finde, das er dasselbe abtuge.
Leidinger, V. Arnpeck (
moobd.
,
v. 1495
):
Herzog Sigmund thet sich des regimencz pald ab.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
um 1400
):
ob kaufleut kämen und guet würd verkauft da angeben würd ain phenning, und ob sich ainer des abtëtt ân des andern willen.
Helm, H. v. Hesler. Apok. ; ; ;
Loesch, Kölner Zunfturk.
1, 182, 42
;
Bömer, Pilgerf. träum. Mönch ;
Froning, Alsf. Passionssp.
4596
;
Neumann, Rothe. Keuschh.
3324
;
Feudel, Evangelistar
145, 7
;
Behrend, Magd. Fragen ;
Quint, Eckharts Pred. ;
Quint, Eckharts Trakt. ;
Adrian, a. a. O.
4699
;
Mayer, Folz. Meisterl. ;
Gierach, Märterb.
11760
;
Niewöhner, Teichner
456, 8
;
15
;
Türk, Wortsch. Dietr. v. Gotha.
1926, 2
;
3.
›etw. abbrechen, zerstören, abräumen, beseitigen‹; je nach Obj.: ›(Festungen) schleifen‹; ›(Bauteile) abbrechen‹; ›(Gräben) zuschütten‹; ›(Grenzsteine) entfernen‹; ›(Feuer) löschen‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  2.
Syntagmen:
den aquaeductum / graben / markstein / zaun, die ampel / kette / traufe / feste / erde / bastei a.; des bolwerks a.
Wortbildungen:
abtuung
1.

Belegblock:

Chron. Magdeb. (
nrddt.
,
1565
/
6
):
hat man alle ketten an den gassen abgethan und zerschlagen.
Chron. Köln
1, 5396
(
rib.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
so sy van buyssen aff deden die erde, | sy voren in myt orsse ind myt perde.
Ebd. (
1. H. 15. Jh.
):
quam her Jorg der ritter vurg. zu dem van Sarwarden und gesan der bolwerk af zu doin.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
als man daz viur abetuot, sô blîbet dâ wol eine wîle diu werme in dem wazzer.
Kohler u. a., Peinl. GO Karls V. (
1532
):
wellicher [...] Ein vnndermarckung, Rejnung, mal oder marckstein verruckt, abhawet, abthut oder verenndert.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
um 1400
):
di [feste] behilt di stat bey 10 tagen, dar nach ward si von der stat geprochen und abgetan.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
moobd.
,
1606
):
sollen [...] die neu erhebten gräben und würren abgethan werden.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. ;
Winter, Nöst. Weist. ;
Piirainen, Stadtr. Sillein
101b, 39
;
4.
›etw. (z. B. Bräuche, Einrichtungen, Satzungen, Auflagen) aufheben, abschaffen, etw. (z. B. Bestimmungen) für nichtig erklären, etw. (z. B. Vereinbarungen) widerrufen‹.
Syntagmen:
die bede / ladung / foderung / ordnung / satzung / beschwörung / freiheit / selmesse / müle / bruderschaft, den zol / ban / kummer / artikel / brief / bund / frieden / misbrauch / feiertag / jartag, das reich / amt / keisertum / gericht / kloster / frauenhaus / gesetz / verbündnis / unrecht / begräbnis a.
Wortbildungen:
abtuung
2 (
der zünfte
, dazu bdv.: ),
abtuung
3 (
der schriften
).

Belegblock:

Chron. Köln (
rib.
,
1. H. 15. Jh.
):
dat verbuntnisse stunt ze halden, alz lang de herzog leifde, und neit af zu doin.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
230, 15
(
thür.
,
1474
):
sollich kommer nye mochte abegetan werde, biß solange er yn daz met werntlichem gerichte anegewonnen habe.
Meisen u. a., J. Eck
14, 7
(
Leipzig
1520
):
ßo wil er, das man die begengknus, jartag, seelmessen abthue.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
daß er in [brief] nit hab und wider abtuen solle.
Ebd. (
v. 1536
):
zů Augspurg hat ain rat abthan die offnen gemeinen 2 frauenhäuser.
Merk, Stadtr. Neuenb. (
nalem.
,
1380
):
so nement und tun wir abe mit [...] kunglicher mechte volkomenheit alle schuld ladunge, heyschunge oder furderunge.
Pfeiffer, Frk.-bay. Landfr.
252, 32
(
nobd.
,
1406
):
haben auch darauf die klage [...] abgetan.
Turmair (
moobd.
,
1529
):
fürkompt mans [mißbreuch] nit, das mans abtut, so wirds nimermêr gut.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
[der brieff] schueff bey vermeydung seiner swarn ungnad den frid, mit den Vngrischen gemacht, von stund an abthwen und widerrueffen.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
1478
):
unser ordnung und sazung bevor, die zu mern und zu mindern zu veraendern und genzlich abzethun und zu widerruefen.
Loesch, Kölner Zunfturk. ;
Grosch u. a., a. a. O.
211, 38
;
Baumann, Bauernkr. Rotenb. ;
Koller, Ref. Siegmunds ; ;
Merk, a. a. O. ;
Österley, Steinhöwels Äsop ;
Welti, Stadtr. Bern ; ;
Bernoulli, Basler Chron. ;
Kohler u. a., Bamb. Halsger. ;
Grossmann, a. a. O. ;
Mell u. a., Steir. Taid. ;
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. ;
5.
›jn. seines Amtes, seiner Funktion entheben, absetzen‹.
Bedeutungsverwandte:
; vgl.  7,  1.
Gegensätze:
 18,  5.

Belegblock:

Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1548
):
Die von Ulm haben [...] die predicanten, so sie vor auf allen iren pfarren [...] aufgesetzt, wider abgethan.
Koller, Ref. Siegmunds (Hs. ˹
Augsb.
,
um 1440
˺):
Die [abbt] haben got gelobt, den orden zu halten oder man tü sie gleich ab.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
sprachen selbs, sy wolten all richter und botten abthwen und in yedem gericht vier pawren zw richtern seczen.
6.
›etw. beschlagnahmen‹.

Belegblock:

Loesch, Kölner Zunfturk. (
rib.
,
1433
):
hait Ditmar gesacht, dat iem [...] dri doich afgedain sint, die ungeblijet wairen.
7.
›(jm.) etw. (Schaden o. ä.) vergüten, ersetzen, etw. wiedergutmachen; (eine Forderung) einlösen‹.
Bedeutungsverwandte:
 3,  4,  9,  1, , ; vgl.: .
Syntagmen:
den schaden
(häufig)
/ mangel / sold, die kost / schmach a.

Belegblock:

Küther, UB Frauensee
237, 24
(
thür.
,
1473
):
eynen sulchen anspruche gereden wir obgenanthen vorkeuffer den obgenanthen keuffern abezcuthun.
Welti, Stadtr. Bern (
halem.
,
um 1400
):
der sol [...] in vͥnser stat niemer komen, vntz daz er den schaden gentzlich ab tůt.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
muest [...] allen kost, allen solt, so den Römern auf disen krieg gangen war, abtuen und außrichten.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
oobd.
,
1565
/
81
):
sollichen mangl oder schaden so das wiertvolk nämb widerumb abzuthuen.
Welti, a. a. O. ; ;
Siegel u. a., Salzb. Taid. ; .
8.
›(Tiere) schlachten; (Menschen) hinschlachten, hinmorden‹; refl.: ›Selbstmord begehen‹; offen zu 10.
Bedeutungsverwandte
1. Nuance: ; 2. Nuance:  2,  1, ; vgl.  78; ,  34.
Syntagmen
1. Nuance:
das tier / vieh / ferken / hun, die kuh / sau / geis, den vogel a.
; 2. Nuance:
den menschen / christen / adel, die königin, das kind a.; sich a.

Belegblock:

Buch Weinsb. (
rib.
,
1576
):
der den tag zuvor hinuff gefarn was und im haus firken abgetain waren.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
62, 10
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
wen si wellin vleysch essin, so lozen si abe tun eyn tyr eynen vremdin.
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst (
Straßb.
1522
):
Der Nar thet den Fogel ab und briet in und aß in.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
Herodes als ein Jud [...] dorft kain sau abtuen oder essen.
˹Mit Obj. d. P.: Ebd. :
Am osterabent liessen si all die kirchen den christen zu poden nider werfen [...] würgten darnach die christen, tettens ab wie die schaff.
verpot in, das si hinfüran [...] kain menschen mêr got zue êren abteten und aufopferten.
Altmann, Wind. Denkw. (
wmd.
,
um 1440
):
ouch sol nieman keinen menschen morden oder abethün.
Sachs (
Nürnb.
1560
):
Wil mein schwerd mit lams-blut bestreichen, | Zum köng eingahn gar trawrigkleichen, | Mit wort und geperd zeygen an, | Samb hab ich die köngin abthan.
Ebd. (
1562
):
Derselb entsetzet sich darab, | Weyl in das kindlein lachet an. | Da mocht er es mit nicht abthan.
Chron. Köln
1, 2023
(
rib.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
dar vmb dede hie [Judas] sich boislich aff | seit wa hie sich selue erheinck.
˺.
v. Tscharner, a. a. O.
65, 3
;
18
;
Bolte, a. a. O. ;
Winter, Nöst. Weist. ;
9.
›jn. aburteilen und hinrichten‹.
Bedeutungsverwandte:
 12, ; vgl.  2.

Belegblock:

Luther, WA (
1530
):
wie doch die verfuͤrer allenthalben betriegen die armen leute, so man richtet und abthut umb jhrer missethat willen.
die ubeltheter, so durch offentlich gericht gestrafft odder abgethan werden.
Sachs (
Nürnb.
1556
):
Mein lieber son, schaw an, ich hab | Zimlich gestrafft sein tyranney, | Wie er zu streng gefaren sey, | Nemblich mit dem unschulding man, | Den man hat gester abgethan.
Luther. Hl. Schrifft.
Luc. 23, 32
;
Dietz, Wb. Luther ;
10.
›(menschliche Gemeinschaften, Gruppen o. ä.) auflösen, verjagen, vernichten, ausrotten‹.

Belegblock:

Koller, Ref. Siegmunds (Hs.
16. Jh.
):
das die Templary uf ain tag [...] ganz in der welt abgeton werden und der orden zerstört wart.
Chron. Strassb. (
els.
,
1362
):
wand der bobst allen bischofen gebot, daz sü si
[die Geißler]
solten abetůn.
Chron. Augsb. (
schwäb.
,
E. 15. Jh.
):
der hett verstanden, das der kaiser die juden ab wolt thůn. [...] da nam der Portner vil gůtz auß von juden ain zeitt und maint er dörfftz nit wider geben, wann mans ab tet.
11.
›etw. herunternehmen, abstreifen, abnehmen‹; mit
obst
als Obj.: ›pflücken‹.
Gegensätze:
.

Belegblock:

Rohland, Schäden
347
(
nalem.
/
schwäb.
,
1400
/
33
):
tu die ober rind her ab.
Ebd. :
tů es [salb] abe.
Wrede, Aköln. Sprachsch.
53a
.
12.
›etw. kürzen, weglassen, streichen‹.

Belegblock:

Ziesemer, Marienb. Konventsb.
89, 29
(
preuß.
,
1412
):
das gelt wart im an nuwer schult abegetan.
Wyss, Limb. Chron. U (
mfrk.
,
1371
):
daz ich [...] dit testamentum meren oder mÿnnern, ap unde zu důn unde vurwandelen.
Luther, WA (
1543
):
Du solt nichts ab noch zuthun zu den worten des HERRN.
13.
›etw. kurz erledigen, schnell abtun‹.

Belegblock:

Österley, Kirchhof. Wendunmuth (
Frankf.
1563
):
Dieselbige, als ein junger gesell mit ir durch einen wald [...] gienge und sie zu schwechen durch umbschweiff suchet, es strack abzuthun vermeinte.
14.
als Part. Perf.
abgetan
›schal, abgestanden (z. B. vom Wein)‹.

Belegblock:

Wrede, Aköln. Sprachsch.
54a
.