tugendhaft,
auch
tugendhaftig,
Adj.
– Vgl. die teils parallelen Bedeutungsfelder von tugendlich
, tugendreich
, tugendsam
.1.
›durch positive, dem Menschen als erreichbar angenommene Eigenschaften gekennzeichnet, die den theologisch-moralischen Tugendvorstellungen der Zeit entsprechen; danach handelnd bzw. zu entsprechender Handlung verpflichtet‹ (allgemein); im Einzelnen oft religiös motiviert, dann: ›fromm, demütig, gnädig, heilig usw.‹ (als vorauszusetzende Eigenschaften auf dem Weg zum Seelenheil); eher säkular: ›moralisch integer, anständig, ehrlich, vorbildlich für andere, ehrenhaft‹ (als einer Person zugeschriebene Eigenschaften wie als Kennzeichnung ihrer Handlungen); vgl.
tugend
1; 2; 3; 4; 5.Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘, auch berichtende Texte.
Bedeutungsverwandte:
demütig
erbar
from
Gegensätze:
böse
gotlos
Syntagmen:
j
. (z. B. in seiner sele, gegen jn
.) t. sein
; das leben den tugendhaften ungleich sein
; der tugendhafte diener / heide / keiser / vater, die tugendhafte antwort / art / manier / sele / traurigkeit, das tugendhafte leben, tugendhafte werke
.Belegblock:
Mieder, Lehmann. Flor.
772, 24
(Lübeck
1639
): wenn einer jetzo so tugendhafft were wie Cato, [...], so ist die Zeit nicht / [...] / die dergleichen Leut hoch achten.
Ebd.
773, 16
: Keyser Antonius ist vnleydlich dem Roͤmischen Reich geweist / das er jedermann auff seine Stoische tugendhaffte manier ziehen [...] wollen.
Jostes, Eckhart
101, 25
(14. Jh.
): dú tugendhaft sele flúget úber als daz uf ertrich ist und úber all creatur.
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
3, 23
(nürnb.
, 1. H. 15. Jh.
): Er ist selig, der do bekennet sein krankheit [...], wann die selb kunst wirt im sein ein anfanck und gruntfest einer tugenthaftigen und demutigen traurikeit.
Ebd.
18, 27
: sehe der mensch, wie als sein leben so ungestalt [...] sey der gotlichen ordenung [...] wie ungeleich es auch sey den unschuldigen, den tugenthaftigen.
Bihlmeyer, Seuse
86, 14
(alem.
, 14. Jh.
): lieber tugenthaftiger vater, erent got an mir armen.
Adrian, Saelden Hort
4974
(alem.
, Hss. E. 14.
/15. Jh.
): die [kinde] doch sint wunder tugenthaft, | lutzelig, zúhtig, raine, | behúet vor allem maine.
Behrend, Spangenb. Anbindbr.
3, 20
(Straßb.
1611
): Was die benennete Person | Vor einen Ursprung habe [...] | [...] zugleich werd offenbahr / | Ob sie nach solcher Eigenschafft / | Werd böss sein oder Tugenthafft.
Lindqvist, K. v. Helmsd.
1992
(halem.
, Hs. um 1435
): Das ist der mensch und sin krafft | In siner sel tugent hafft.
Koppitz, Trojanerkr.
11537
(Hs. ˹noschweiz.
, 15. Jh.
˺): [Paris] Den vil tugend haften man | In züchten fragen do began.
Sappler, H. Kaufringer
25, 219
(schwäb.
, Hs. 1472
): das sint die werk tugenthaft; | die vertreibt des weines kraft.
Klein, Oswald
22, 158
(oobd.
, 1422
): das er im [tadel] mag entrinnen | durch tugenthaffte spreutz, | [...] | mit hilf des heilgen creutz.
Bauer, Imitatio Haller
69, 17
(tir.
, 1466
): das tugenthafft leben das ist got genëm.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
40, 9
; Mönch v. Heilsbronn. Fronl.
5a, 8
; Päpke, Marienl. Wernher
245
; 447
; 14732
; hail. altvaͤter
70v, 8
; Lindqvist, a. a. O.
470
; Qu. Schweiz. Gesch.
1, 178, 4
; Steer, Schol. Gnadenl.
1, 661
; Munz, Füetrer. Persibein
434, 4
; Schweiz. Id.
12, 1135
.‒
Vgl. ferner s. v. antwort
1, appellieren
, aufrichtig
2.2.
Eigenschaften, Haltungen und Handlungen kennzeichnend, die man Frauen zuschreibt bzw. ihnen als verpflichtend auferlegt; im Einzelnen: ›sittsam, treu‹ (von der Ehefrau); ›keusch, sexuell enthaltsam, jungfräulich‹ (von Klosterangehörigen); ›ohne Sünde‹ (von Maria); als Spezialisierung anschließbar an 1; zu
tugend
4.Bedeutungsverwandte:
tugendreich
tugendsam
erbar
keusch
lauter
unbeflekt
unschuldig
Belegblock:
Fischer, Brun v. Schoneb.
10517
(md.
, Hs. um 1400
): Maria du togunthaftir lip.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
7, 7
(Hs. ˹omd.
, 1465
˺): entflogen ist mir mein erenreicher falke, mein tugenthafte fraue.
Küther, UB Frauensee
387, 27
(thür.
, 1529
): Nachdem [...] herr Philips landtgraff zu Hessen [...] den erbarn und tugenthafftigen Margrette und Elisabett von Laerbach zu irer abferttigung deß closterß zum Sehe zweyhundertt gulden [versprochen].
Lindqvist, K. v. Helmsd.
62
(halem.
, Hs. um 1435
): As Astroges tochter tugendhafft | Gebar den kúng Cyrum, | Also gebar Maria Jhesum Cristum.
Klein, Oswald
22, 64
(oobd.
, 1422
): smal schulter, dicke hende, | bewart gar tugenthafft.
Ebd.
41, 3
; Dict. Germ.-Gall.-Lat.
539
.3.
herausragende Eigenschaften von Männern kennzeichnend: ›tapfer‹; zu
tugend
5.Bedeutungsverwandte:
tapfer
tugendlich
tugendreich
Belegblock:
Dünnhaupt, Werder. Gottfr. v. Bullj.
15, 5
(Frankf./M.
1626
): ob er wol aussaͤtzig war / so war er doch ein Tugendthaffter tapfferer Herr.
4.
›mächtig, gewaltig‹ (von Gott gesagt); zu
tugend
7.Bedeutungsverwandte:
almächtig
almögend
gewaltig
grosmächtig
tugendlich
tugendsam
Belegblock:
Morrall, Mandev. Reiseb.
23, 18
(schwäb.
, E. 14. Jh.
): das ist als vil gesprochen: almechtiger gott, tugenthafter got, und gott úber all kúng.
5.
›heilend wirksam, heilkräftig‹; zu
tugend
8.Bedeutungsverwandte:
vgl. kräftig
tugendlich
tugendreich
Belegblock:
Lindqvist, K. v. Helmsd.
143
(halem.
, Hs. um 1435
): Der selbe bluͦme tugenhafft | Hett an im siben aygenschafft: [...].
Rohland, Schäden
546
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