reie
, gelegentlich verkürzt zu
1
reige, der
;-n/-n
;rei
, rey
; zu
mhd.
reie, reige
›Reigen, Frühlings- oder Sommertanz‹
(Lexer
).2, 386
1.
›fröhlicher (Rund)tanz, bei dem man sich singend begleitet‹; bildlich im Übergang zur Ütr.: ›Aufruhr, Kampf, Tumult‹; metonymisch: ›Formation von Tanzenden‹; generalisierend: ›Gemeinschaft, Gruppe von Personen, deren Zusammenhalt unterschiedlich begründet ist‹.Phraseme:
an den reien müssen
›sich einer unangenehmen Sache nicht entziehen können‹ (speziell als Metapher für das Sterben; vgl. Schweiz. Id.
f. mit weiteren Belegen); 6, 1
den reien ganz machen
›zum Zug kommen‹; js. reien springen / tanzen (müssen)
›nach js. Pfeife tanzen (müssen); jm. gehorchen‹; js. reien fürchten
›den Kampf mit jm. scheuen‹; zu dem reien genötet werden
›zum Kampf gezwungen werden‹; am lezten reien tanzen
›der Letzte bei e. S. sein‹; nach den alten reien springen
›Neuem gegenüber nicht aufgeschlossen sein‹.Bedeutungsverwandte:
abendtanz
kurzweil
tanz
2
trotter
vortanz
auflauft
gerümpel
gestäuchel
tanz
2
trippel
Syntagmen
(teils ansatzweise phrasematisiert): j. den reien anfahen / aufmachen / füren / haben / lernen / springen / tanzen / verderben, ganz machen, im gras halten, in der stube tun, um das goldene kalb anstellen, mit Christus den reien füren / treten, jm. einen reien geben
; der r. js. sein, jm. verdries tun
; etw
. (Subj.) ein r. sein
; j. an den reien gehören, der blasebalg
(Subj.) an den reien läuten, j. an dem reien gehen / singen, den tanz an dem reien füren, sich an dem reien verhändeln, j. in einem reien tanzen, mit reien umschwenzen, freude / kurzweil mit einem reien haben, von reien viel freuden pflegen; der bestalte
›organisierte‹ / fröliche / kluge / schöne / singende / zünftige r
.; die schar des reien
.Wortbildungen:
reienlied
tanzlied
trit
reientanz
pavane
reitag
Belegblock:
Chron. Magdeb.
2, 201, 44
(nrddt.
, 1524
): Dornach sind sie wider in das Paulercloster gelawffen, doselbst dy bilde von den altarien [...] abegerissen [...], vorsehen uns auch, das es ein bestalter reyen gewest seyn soll.
Luther, WA
22, 51, 25
(1544
): Troͤste dich aber des, das du auch mit an den Reien gehörest dere, so in gemeinschafft des leidens mit dir gewest.
Ebd.
23, 96, 8
(1527
): Wolan, pfeiff auff vnd verderbe den reygen nicht.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
464, 6294
(Magdeb.
1608
): Sie
[Frösche]
koͤnnen sich auch nicht verzeihen / | Das sie im Graß nicht hielten reyen. Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
7738
(rib.
, 1444
): Dis blaesbalch deit luden an den reyen.
Opel, Spittendorf
368, 18
(osächs.
, um 1480
): Sie wurden alle auss der pfarre vor den rath geheischet; [...] der reyen thate dem volcke verdriss.
Gille u. a., M. Beheim
23, 51
(nobd.
, 2. H. 15. Jh.
): in dem meÿ, | [...] | mit singen furt man manchen clugen reÿ.
Sachs
15, 50, 13
(Nürnb.
1557
): Die weiber uns entgegen giengen | Mit harpffen, paucken, thetten singen | An dem rheyen.
Ebd.
16, 342, 28
(1563
): trieben aller kürtzweyl viel, | [...] | Etlich hetten reyen und täntz.
Ebd.
17, 69, 21
(1553
): Wil gehn am marckt, nach einer [frawen] schawen, | Ob ich den reyen möcht machen gantz, | Villeicht geredt mir noch ein schantz.
Banz, Christus u. d. minn. Seele
1803
(alem.
, 1. H. 15. Jh.
): Christus sprach: | Tü von dir venien und betten, | Du müst mit mir den raygen tretten.
Goedeke, P. Gengenb.
134, 665
(o. O. 1516
): Thuͦn ich vergifften iung vnd alt | Münch, pfaffen vnd auch leyen, | Das sie all springen minen reyen.
Enders, Eberlin
1, 156, 1
(Basel
1521
): eben als het er ein geding mit got durch den ablaß gemacht [...], das er vff ein news mag anfahen den vorigen raien.
Schaer, Pyr.-Thisbe-Sp. II,
386
(Basel
1616
): Tysbe, die muss an diesen Reyen | Will sie mit grossem Leyd erfrewen.
Ebd. III,
177, 391
(osächs.
, 1607
): Stimmet euer Instrument zu Sammen | unnd macht auff einen frölichen Rëyen.
V. Anshelm. Berner Chron.
2, 260, 22
(halem.
, n. 1529
): Costentz [...] | [...] | Bin Eidgnossen dorst nit bliben im veld, | Du forchtest iren reien.
Maaler
330r
(Zürich
1561
): Der Reigentanz / Daͤntz in ringsweyß wenn man darzuͦ singt.
Bächtold, N. Manuel. Zugabe H. R. Manuel
378, 9
(Bern
1557
): Es ist ietz leider darzuͦ kon, | dass fast die ganz tütsch nation | muͦss danzen iren reien.
Müller, Nördl. Stadtr.
88, 4
(schwäb.
, 1510
): kain junger gesell soll kain frawenbild zu hochzeit oder raytagen zum wein fürn.
Ebd.
138, 28
(1467
): gebieten darumb den selben jungen ledigen gesellen [...] das die an dem tantz nit fraͤvelich schrien [...], auch ir dehainer deß der ray ist, us dem tantz faren, sonder beschaidenlich nach ain ander tantzen.
Barack, Zim. Chron.
1, 481, 9
(schwäb.
, M. 16. Jh.
): Gemanet mich vast daran, als [...] graf Gotfridt [...] im ussern schlosshof [...] den jungen leuten zuliess den raien zu springen.
Chron. Augsb.
8, 42, 13
(schwäb.
, zu 1560
): Auf sontag [...] hat ain e. rat [...] verpieten lassen die abendtäntz, raienlieder [...] und alles spil.
Ebd.
459,
Anm. 2 (zu 1563
): nach dem essen haben sie ain klains dentzlin gethon, gar wenig raien, in der stuben.
Klein, Oswald
13, 5
(oobd.
, 1416
): Wer ist, die vor an dem raien fürt den tanz | [...]?
Ebd.
100, 5
(vor 1408
?): wolgezierter mai, | dein süss geschrai | pringt freuden mangerlai, | besunderlich wo zwai | an ainem schönem rai | sich mütiklich verhendelt hän.
Niewöhner, Teichner
335, 82
(moobd.
, 1360
/70
): ,recht wie ich den menschen vind, | also richt ich fuͤr sich dar.‘ | stirbt er an dez raien schar, | so vint in got in uͤber muͤt.
Turmair
4, 118, 18
(moobd.
, 1522
/33
): muesten die leut allerlai tänz und lieder lernen, den drotter, fierltanz und raien.
Joachim, Marienb. Tresslerb.
358, 8
; Opitz. Poeterey
10, 17
; Froning, Alsf. Passionssp.
5349
; Adomatis u. a., J. Murer. Hest.
845
; Chron. Augsb.
3, 230, 8
; Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
166, 1
; Voc. Teut.-Lat.
aa vijr
; Dict. Germ.-Gall.-Lat.
381
; Schweiz. Id.
6, 1
ff.2.
›Tanzlied‹; auch allgemein: ›fröhliches Lied, Gesang‹; metonymisch zu 1.Phraseme:
js. reien singen
›nach js. Pfeife tanzen‹.Bedeutungsverwandte:
danklied
2
lied
reienlied
tanzlied
trit
Syntagmen:
den reien aufmachen / pfeifen / singen / vorsingen, auf dem seitenspiel machen
; der geistliche / himmelische / neue / vielstimmige r
., der beste r. in der welt
.Belegblock:
Luther, WA
16, 213, 21
(1524
/7
): Diese Miriam, Moses schwester [...] singet dem Herrn auch ein dancklied mit paucken und Reigen zur danckbarkeit.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
48, 137
(Magdeb.
1608
): Singn auch jhr vielstimmige Reyen / | Jn Pfeiffen / Zithern / Lauten / Geygen / | Fein kunstreich nach der Musen arth.
Wyss, Limb. Chron.
70, 26
(mfrk.
, Hs. 2. H. 16. Jh.
): ein monich von den barfußen orden [...] machte di beste lide unde reien in der wernde von gedichte unde von melodien.
v. Keller, Ayrer. Dramen
33, 32
(Nürnb.
1610
/8
): Sie gehn zu dem Altar, Singen ein lied gegen einander oder einen Reyen.
Bihlmeyer, Seuse
69, 18
(alem.
, 14. Jh.
): die himelschar vieng an ze singen einen himelschen reyen.
Ebd.
447, 6
: ir himelschú seitenspil, leichent úch, machent uff einen nuwen reyen.
Vetter, Schw. zu Töß
5, 17
(halem.
, Hs. 15. Jh.
): ein jünger himelischer knab [...] hat [...] ein süsses seittenspil in seiner hant [...], und do machet er auf ein geistlichen reien.
Sappler, H. Kaufringer
26, 144
(schwäb.
, Hs. 1464
): wer hie mit leiden wirt gepeint, | des stimm in ewigkait erclingt, | ainen neuwen raien er vorsingt.
Peil, a. a. O.
664, 4952
; Schweiz. Id.
6, 3
f.‒
Vgl. ferner s. v. abtanzen
2.