mutwillig,
Adj.
1.
›die Möglichkeit zu freier Entscheidung habend, diese ungezwungen in (meist) positiv bewerteter Weise wahrnehmend, freiwillig, aus freien Stücken, aus eigenem Antrieb‹; auch auf die daraus folgenden Handlungen bezogen;
vgl.
mutwille
(
der
) 1.
Bedeutungsverwandte:
bedacht
(part. Adj.) 2,
freiwillig
,
unbezwungen
 2,
ungenöte
.
Syntagmen:
j. m. sein
;
m. übereinkommen
, [wo]
bleiben
, [wohin]
gehen, mutwillig von e. S. gehen, m. etw. schweren
(z. B.
einen eid
)
/ verkaufen
(z. B.
einen hof
)
/ dulden
(z. B.
den tod
)
/ geben
(z. B.
den lon
),
m. gicht tun, das [...], m. etw. zu strafen sparen
›mit Bedacht auf Bestrafung verzichten‹;
der mutwillige knecht
.
Wortbildungen:
mutwilligen
(Adv.).

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok.
2617
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
der gute David | An sime psalmen dar quit: | ,Mutwillic
[
Froschauer
1530 /
Luther
bis 1528, Ps. 119, 108:
frey willigen
o.ä.;
Luther
1545:
willige
]
opfer brenge ich dir‘.
Ebd.
6343
:
Marterere, megede, | Die von iren getregede | Mutwilligen
[Adv.]
giengen | Und den tot entpfiengen.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
2596
(
rib.
,
1444
):
Dat ich yn des hain gehenget | Ind yn dit schone cleynode gegeven | Hain moitwillentlich ind noch geven.
Chron. Köln
1, 304, 13
(
rib.
, Hs.
1. H. 15. Jh.
):
so hait der vurg. her Heinrich vanme Stave moitwillenclich in sime lesten ende gicht gedain und bekant, dat [...].
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
71r, 4
(
Leipzig
1588
):
Dabey die Eltern wol zu mercken haben / das sie alles Vbel / was sie an jren Kindern zu straffen mutwillig sparen / vnd nachlassen / mit schand vnd schaden auff jren eigenen Halss samlen.
Lindqvist, K. v. Helmsd.
2014
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Das nun dirr werde Jhesus Crist | Durch uns muͦtwillenklichen ist | Gegangen in des todes pin.
Boos, UB Aarau
36, 5
(
halem.
,
1323
):
ich [...] tuͦn kunt, daz ich muͦtwilleklich und umbezwungen ze koͮfenne han gegeben [...] den hof halben zo Rubiswile.
Dierauer, Chron. Zürich
266, 17
(
halem.
,
15. Jh.
):
do zoch er mit sin selbs lipe und [...] mit der fúrsten und stetten knechten und ettlichen muͦtwilligen knechten [...] in sin eigen fúrstentuͦm.
Dirr, Münchner Stadtr.
516, 20
(
moobd.
,
2. H. 14. Jh.
):
das all juden, [...], mutwillichlichen und ungenöt für den innern und aussern rat koͤmen sind.
Helm, a. a. O.
11333
;
Fischer, Brun v. Schoneb.
3726
;
9451
;
Merz, Urk. Wildegg
17, 13
;
37, 9
;
UB Zug
2462, 3, 3
;
Welti, Stadtr. Bern
218, 10
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß
251
.
2.
›überschäumend vor teils jugendlicher, ungebundener Lebensfreude, übermütig, zu Scherz, Unfug aller Art aufgelegt‹; mit Tendenz zu: ›unbedacht, unüberlegt, voreilig‹ sowie zu: ›sündhaft, ordnungsstörend‹; jeweils auf Haltungen bezogen, die im allgemeinen nachsichtig, verständnisvoll bewertet werden;
vgl.
mutwille
(
der
) 2.
Bedeutungsverwandte:
frech
,
gögel
 2,
hochfärtig
,
jung
 1,
kurzweilig
,
lustig
 5,
schandbar
,
schimpflich
 2,
unzüchtig
,
wollustig
.
Syntagmen:
j. m. sein
;
m. in not stürzen, einen frieden brechen, sich m. in ein lachen werfen
;
der mutwillige bursche / geselle
;
das mutwillige kind / zutrinken
.

Belegblock:

Peil, Rollenhagen. Froschm.
572, 2099
(
Magdeb.
1608
):
Wenn straffen wil die Gottes Hand / | So nimt sie eim witz vnd verstand / | Das man mutwillig stuͤrtzt in noth.
Bihlmeyer, Seuse
161, 30
(
alem.
,
14. Jh.
):
der ist ein tore, der sich muͦtwilleklich in ein unsuber lachen wirfet.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 289, 24
(
Hagenau
1534
):
D. Johan Vogt / gar eyn ehrlicher man / war in seiner jugent muͦtwillig und frech gewesen / also auch daß er hette zuͦ Magdeburg in Sachsen vil muͦtwillens / wie denn die jugent pflegt / helfen anrichten.
Köbler, Stattr. Fryburg
220, 1
(
Basel
1520
):
Gotßlestern vnd gevarlich muͦtwillig zuͦtrincken sol [...] verbotten sin.
Österley, Steinhöwels Äsop
42, 8
(
Ulm
1474
/
82
):
Ob du in diner wonung oder kouffhuß itt schryende oder muotwillige kinder hettest.
Rot
324
(
Augsb.
1571
):
Lasciuirn, Gailirn / gögel sein / muͦtwillig / sich das fuͤtterle lassen stechen / [...] / vnzuͤchtig / schamper / vppig sein.
Turmair
4, 450, 17
(
moobd.
,
1522
/
33
):
Hannibal, der muetwilliglich den frid mit den Römern, [...], brach.
Allg. Schau-Buͤhne
32, 22
;
Lauater. Gespaͤnste
20v, 13
;
Voc. Teut.-Lat.
n viijv
;
x jr
.
3.
›die präsupponierte Möglichkeit freier Entscheidung im negativen Sinne nutzend, eine Haltung gegen die Üblichkeit, Sitte, Moral, das Recht, gegen zeitgenössische Glaubenswerte einnehmend, sich dem entsprechend verhaltend und handelnd‹; im einzelnen z. B.: ›selbstbezogen, eigenwillig; lasterhaft, lasziv, ausschweifend, bindungs-, hemmungslos, schamlos; sündig, ordnungsstörend, gegen die Gemeinschaft verstoßend; aufrührerisch‹; mit fließender Verschiebung der Bezugsgröße (von der Person und ihrer Haltung / Handlung auf die Folge): ›aus Bosheit vollzogen‹ (von einer Schuld, von Mord);
vgl.
mutwille
(
der
) 2; 3.
Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘ sowie rechts- und wirtschaftsbezügliche Texte.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):
abtrünnig
 1; 2,
aufrürisch
 1; 2,
bedächtig
 3,
böse
(Adj.) 6,
boshaft
,
eigenköpfig
,
eigensinnig
,
fleischlich
,
frech
,
frei
,
frevelig
,
fürsezlich
,
1
geil
(Adj.) 1,
halsstarrig
 2,
hochfärtig
,
meineidig
,
trutzig
 1; 2,
ungebürlich
,
unordenlich
,
unverschämt
,
wiederspännig
,
wissentlich
.
Syntagmen:
j. m. werden, j. / die welt m. sein
;
m. sünden, die sünde verteidigen, etw. angehen / aufreissen
(z. B.
die regel der mässigkeit
)
/ brechen
(z. B.
den eid, die ehe
)
/ setzen
(z. B.
einen artikel
)
/ verachten
(z. B.
das wort
),
jn. m. befehden / verderben
(z. B.
die schafe Christi
),
sich m. ertränken, jm. m. feindschaft sagen
;
jn. m. machen
(objektbezogenes präd. Attr.);
der mutwillige appellant / aufstand / bube / feind / frevler / friedbrecher / lustsucher / mord / mörder / totschlag / totschläger, die mutwillige feindschaft / gottesverachtung / klage / schuld / sünde / zunötigung, das mutwillige leben
.
Wortbildungen:
mutwillige
(
die
).

Belegblock:

Holland, H. J. v. Braunschw. V. e. vngerat. Sohn
359, 21
(
Wolfenb.
1594
):
Nero, wie trotzig vnd muthwillig du dich gegen mir jederzeit erzeiget hast.
Luther, WA
47, 274, 1
(
1537
/
40
):
die Welt ist nicht allein an ihr selbs arg und bose, sondern wil auch muttwillig die Schaf Christi verderben.
Köbler, Ref. Wormbs
339, 12
(
Worms
1499
):
so ein Eeman syn Eelich gemahel vmb mutwillige verhandlung straffen wolt der soll in solchem nit zu grob od’ grulich syn.
Ders., Ref. Franckenfort
78, 2
(
Mainz
1509
):
dwyl die recht freuelich od’ muͦtwillige appellacion nit zuͦlassen.
Harms u. a., Alberus. Fabeln
106, 4
(
Frankf./M.
1550
):
Vnd dachten / [...] | Ein mutwilligs leben zu fuͤrn / | Sahen kein gute ordnung gern.
Küther, UB Frauensee
395, 34
(
thür.
,
1530
):
sage ich, hett imants [...] imants mutwilligen schaden zugefugt, [...], were dasselbig [...].
Kohler u. a., Peinl. GO Karls V.
67, 26
(o. O.
1532
):
wellicher jemant wider Recht vnd pillickeitt mutwilligklich bevehdet, den Richtet mann.
Vetter, Pred. Taulers
131, 22
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
von vier partien der súndere. Die Ersten von disen vieren das sint dise groben, weltlichen, frefeln, muͦtwilligen, fleischlichen wilden lúte.
Ebd.
136, 9
(
1359
):
do hant si minne und genuͤgde, [...] und dar in gewennent si sich muͦtwilklichen und frilichen und suchent do an den lust und die genuͤgde.
Strauch, Schürebrand
49, 21
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
die hochfartigen herscher und die muͦtwilligen lustsuͦcher, die fülleriche und die trunckenbolte, die werdent sitzende zuͦ underste an dem tische der ewigen pine.
Banz, Christus u. d. minn. Seele
736
(
alem.
,
1. H. 15. Jh.
):
manger werd verlorn, | Der muͦtwillclich sin e bricht.
Schib, Urk. Laufenb.
253, 6
(
halem.
,
1556
):
daß ich [...] den erwurdigen herrn Matheus Oltinger, [...], sein priesterlich vnd geweicht houbt mit meinem pruntz vnuerschambt mutwilliglich entunehret.
Maaler
296r
(
Zürich
1561
):
Muͦtwillig / Seinen gelüsten ergaͤben / Dem wollust vnderworffen. [...]. Muͦtwillige. Lasciuia.
Lauater. Gespaͤnste
17v, 16
(
Zürich
1578
):
die trunckne͂ zapffen / die muͦtwillig jre gsicht verderbt habend.
Rudolf, H. v. Langenstein. Erch.
58, 99
(
moobd.
,
1393
):
der zornig ist dem pern geleich, derselb mütwillichleich an get an das swert des zorns.
Spechtler u. a., Frnhd. Rechtstexte
1, 29, 20
(
moobd.
,
1524
):
so durch die vrtl erfunden wirdet, daz er Klager ain muetwillige Klag, oder der anntwurter geuärlich ausfluchten gefuert hat.
Winter, Nöst. Weist.
1, 60, 23
(
moobd.
,
1566
):
kain muetwilliger mörder, kein wißentlicher diep, [...] hat nicht freiung.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
494, 38
(
m/soobd.
,
16.
/
17. Jh.
):
das muetwillige und fräfliche clagen, anlaufen und behölligen der obrigkait.
Luther, WA
8, 285, 23
;
21, 404, 35
;
22, 159, 35
;
24, 676, 34
;
28, 209, 29
;
52, 571, 24
;
Gropper. Gegenw.
6v, 248
;
Perez, Dietzin
1, 319, 15
;
Kohler u. a., a. a. O.
16, 10
;
71, 12
;
Bihlmeyer, Seuse
132, 7
;
Strauch, a. a. O.
19, 3
;
V. Anshelm. Berner Chron.
4, 320, 10
;
Köbler, Stattr. Fryburg
73, 6
;
Wickram
4, 12, 24
;
Lindqvist, K. v. Helmsd.
3388
;
Brunner, Rechtsqu. Krems u. Stein
237, 23
;
Uhlirz, Qu. Wien
2, 3, 4029, 8
;
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
201, 29
;
Turmair
4, 92, 19
;
5, 495, 24
;
Voc. inc. teut.
q viijr
;
Rwb
9, 1115
;
Schweiz. Id.
15, 1297
.
Vgl. ferner s. v.
afterschlag
 1,
aufrürisch
 2,
befeden
 1.