2
liegen,
V., unr. abl.;
Trennung von den Brechungsformen von
1
lügen
und von den Einheiten des zugehörigen Wortbildungsfeldes nicht immer sicher möglich.
1.
›jn. belügen, jm. die Unwahrheit sagen‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.
2
geliegen
.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok.
6087
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
Da der lugenwise | Dieb der menscheite louc.
Luther, WA
32, 91, 22
(
1530
):
das wort kan uns nicht liegen.
Fischer, Brun v. Schoneb.
10260
(
md.
, Hs.
um 1400
):
wen uns die werlt sus luget | und in erem dinste betruget.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 415, 23
(
Hagenau
1534
):
Leugt yemandt / und ob ers schon vor den leuten zudecken kan / so kan er doch Gott nit liegen.
Luther, WA
48, 100, 9
;
Lemmer, Schernb. Frau Jutte
1315
.
2.
›täuschen, einen falschen Eindruck vermitteln‹; offen zu 3.
Bedeutungsverwandte:
vgl.
ableiten
 2,
bestopfen
 4,
betriegen
 1,
bezücken
 1,
1
gleichen
 6,
1
leichen
 1,
letzen
 1,
2
täuschen
.
Wortbildungen:
liegerei
›Heuchelei, Betrug‹.

Belegblock:

Quint, Eckharts Pred.
1, 215, 14
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Vil dinges glîchet sich dem golde; ez liuget und enist niht golt.
Gille u. a., M. Beheim
347, 34
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
dein munt sol mir mit liegen | mein hercz nit mer petriegen.
Päpke, Marienl. Wernher
4126
(
halem.
,
v. 1382
):
Er [got] ist war und wir gelogen
(›falsch, verlogen‹, auch zu 3 stellbar).
Turmair
1, 212, 24
(
moobd.
,
1529
):
Man tue das blutvergiessen, verräterei und liegerei ab. Sein das nit fein christen oder verstockt blind leut.
3.
›lügen, über etw. / jn. die Unwahrheit sagen‹; zum Teil formelhaft.
Phraseme:
ane liegen
Verwahrformel;
um einen han liegen
›um die Wette lügen‹;
den baum aus der erde liegen
;
in den eigenen beutel liegen
;
liegen, das sich die balken biegen
.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):
afterreden
,
betriegen
 1,
morden
 1,
rauben
 2,
stelen
 1,
triegen
(V.) 1,
verraten
usw.
Syntagmen:
oft absolut;
jn. (vor dem rechten) liegen heissen
(›des Lügens bezichtigen‹; mehrfach belegt; vgl. dazu
Rwb
8, 1500
)
/ heischen
;
an der zal, auf die stat, auf / um jn. l., in seinen hals, in sein maul, durch seinen schlund, wieder die warheit, sonder not, wie ein schelm l
.;
fälschlich / frevelig / heimlich l
.; subst.:
ane liegen sprechen
(verwahrformelhaft),
den mund nicht mit liegen finden, sich des liegens massen
.
Wortbildungen:
liegenheissen
›Bezichtigung e. P., dass sie lügt‹,
liegenstrafe
›Strafe für die Lügenbezichtigung‹,
liegezunge
›Verleumdung‹ (a. 1460).

Belegblock:

Luther, WA
16, 466, 20
(
1525
):
das wir nicht schweren, fluchen, liegen, triegen, zaubern sollen.
Ebd.
30, 2, 442, 21
(
1530
):
Dem Bapst kan ich nicht gleuben, denn er heisst sich selbs ynn sein maul liegen.
Ebd.
32, 193, 20
:
wer mit Menschen umgehet, der sol wissen, daß er mit denen umbgehet, die liegen und triegen.
Ebd.
35, 428, 2
(
1524
):
Du sollt [...] | nicht liegen auff den nehsten deyn.
Fischer, Brun v. Schoneb.
4101
(
md.
, Hs.
um 1400
):
daz ist war und nicht gelogen.
Quint, Eckharts Pred.
2, 454, 12
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
[want alles] was so valsch wider der warheit, das sie swigen vnd wolten nicht liegen.
Redlich, Qu. Ratingen
51, 32
(
snfrk.
/
rib.
,
14. Jh.
):
scheltwort, vuystslege, liegenheyßen dyefe moerder off verreder geschoulden dat an lyff off an ere trefft.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
9589
(
rib.
,
1444
):
verstant wale, | Ich en liegen dir neit an deser tzale.
Loesch, Kölner Zunfturk.
4, 54, 9
(
rib.
,
M. 15. Jh.
):
sower den anderen ernstlichen heischt liegen, die gilt 3. s. zo waisse.
Frantzen u. a., Kölner Schwankb.
3, 898
(
Köln
um 1490
):
Du vule schalk, du luchst.
Enders, Eberlin
3, 78, 23
(o. O.
1524
):
mügt ir mercken, das euer erste regul nit das Euangelion ist, als der anfang lygt.
Grimm, Weisth.
6, 395, 2
(
rhfrk.
,
1378
):
Auch werden in diesem gericht [...] gestraft alle liegenstraf, fauststreich [...].
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
28, 15
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
Triegen, listen
[Var. E. 15. Jh.:
liegen
]
smeichen, [...] lachen, weinen kan sie wol in einem augenblick.
Chron. Nürnb.
3, 174, 20
(
nobd.
,
1488
):
Es sei ein ursach zu liegen, daß die menschen peichten dem priester in sein ore.
Sachs
5, 68, 31
(
Nürnb.
1557
):
Du thust liegen, triegen und rauben.
Vetter, Pred. Taulers
385, 22
(
els.
,
1359
):
Got und der prophete enliegent nút.
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst
1, 236
(
Straßb.
1522
):
Sprichwort: Wer gern luͦgt, der stilt auch gern.
Ebd.
1, 367
:
Du luͦgst uff mich, ich bin nit ein sollich Frau.
Kurz, Murner. Luth. Narr
1115
(
Straßb.
1522
):
Es ist ein sundere kunst zuͦ liegen, | Das es geheb sei und nit rin: | Liegen hat ein besundern sin.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 503, 11
(
Hagenau
1534
):
Er leugt wenn er das maul auff thut.
Ebd.
2, 93
([
Augsb.
]
1548
):
Er leügt das sich die Balcken biegen.
Ebd.
2, 95
:
Er leüget in seinen aignen Beütel. [...]. Leüg dich nicht zuͦ tod.
Roloff, Brant. Tsp.
1668
(
Straßb.
]
1548
):
Wie kündten wir wider die warheit liegen.
Geier, Stadtr. Überl.
370, 1
(
nalem.
,
1532
):
Haist ain gewachsen mensch das ander liegen, ist peen zehen schilling pfennig.
Päpke, Marienl. Wernher
6677
(
halem.
,
v. 1382
):
Ich will die warhait hie von Got | Sprechen aͮn liegen.
Bachmann, Morgant
218, 34
(
halem.
,
1530
):
Ruolland sprach zuo im: „Du lǔgst durch din schlund; wann ich bin kein dieb“.
V. Anshelm. Berner Chron.
4, 134, 1
(
halem.
,
n. 1529
):
ein teil luog, es waͤre alles wol gefridet.
Bachmann, Haimonsk.
124, 34
(
halem.
,
1530
):
als man spricht gemeinlichen guot bluot nŭt lieggen.
Roder, Stadtr. Villingen
193, 27
(
önalem.
,
1582
):
So einer oder eine das redte, so liege er, oder si [...] wie ein schelm, dieb.
Dict. Germ.-Gall.-Lat.
307, 33
(
Genf
1636
):
Liegen / sagen was nicht wahr ist.
Ebd.
39
:
Baum auß der Erden [liegen] vber alle massen triegen.
Heydn. maister
8r, 24
(
Augsb.
1490
):
Du sollt nit liegen.
Chron. Augsb.
2, 307, 11
(
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
darumb han ich auf die erwürdigen stat pöslich gelogen.
Ebd.
4, 124, 19
(
v. 1536
):
man hat köglet, scholder gehapt und um ain hannen gelogen.
Fischer, Eunuchus d. Terenz
125, 19
(
Ulm
1486
):
Du bedarffst dem nit glauben. wann all knecht liegen gern.
Turmair
1, 227, 37
(
moobd.
1529
):
das die fürsten, hern und stett, so den Luther halten, ain jeglichen bleiben lassen, liegen, treigen, verraten, würgen, plöcken oder stöcken.
Wackernell, H. v. Montfort
2, 62
(
soobd.
A. 15. Jh.
):
liegen, triegen fruo und spât, | das heissent si geschibikeit.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
28, 34
(
tir.
,
1464
):
wenn si wider eüch rëden alles v̈bel vnd eüch liegen haissen durch des menschen sunes willen.
Helm, H. v. Hesler. Apok.
5700
;
Meijboom, a. a. O.
8370
;
Chron. Köln
1, 4488
;
6208
;
Schade, Sat. u. Pasqu.
1, 4, 115
;
Brinkmann, Bad. Weist.
10, 15
;
Froning, Alsf. Passionssp.
411
;
Luther, WA
30, 3, 435
;
32, 113, 3
;
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
148v, 43
;
Asmussen, Buch d. 7 Grade
2012
;
Hoffmann, Würzb. Polizeisätze
157, 13
;
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
134
;
Gilman, a. a. O.
2, 45
;
93, 24
;
Wyss, Luz. Ostersp.
10198
;
Enders, Eberlin
3, 41, 7
;
Österley, Steinhöwels Äsop
357
;
Primisser, Suchenwirt
19, 55
;
22, 59
;
30, 234
;
Turmair
4, 60, 2
;
Wiessner, Wortsch. Wittenw. Ring.
1970, 119
;
Maaler
273r
;
Rwb
8, 1499
f.
Vgl. ferner s. v.
afterreden
,
anzicht
 1,
arm
(Adj.) 4,
arzet
 1.