1
lecken,
V.;
zu
mhd.
lëcken
›lecken‹
(
Lexer
1, 1850
).
1.
›etw. (mit der Zunge) ab-, auflecken, etw. aufsaugen‹; mit Verschiebung der Bezugsgröße: ›jn. / etw. (z. B. einen Löffel) ablecken, abschlecken‹; häufig in obszöner Verwendung.
Phraseme:
vorne lecken, hinten kratzen; jn. im ars lecken
(o. ä.)
; kinder am schne lecken
›Kinder durch das Lecken am Schnee empfangen statt durch Zeugung‹;
an der kunkel lecken
›sich mit dem Spinnrocken beschäftigen, bei seinem Leisten bleiben‹;
lek mich
›Du kannst mich mal‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.
1
auflecken
 1,
aussürfeln
,
laffen
 1,
2
lappen
 1.
Syntagmen:
jn.
(z. B.
den herren
)
l., etw.
(z. B.
den ars / honigseim / leffel / sand / staub / teller, das eisen / feuer / fleisch / har / pulfer / salz / sewasser, süsses
)
l., etw. aus der hand l., jm. etw.
(z. B.
die hand, das arsloch, die hoden / schweren
)
l.; von etw. l.; geizig l.
Wortbildungen:
leckart
›außereheliches Liebesverhältnis‹ (15. Jh.),
1
lecke
(
der
) ›Schuft‹,
1
lecke
(
die
) 1 ›Salzlecke (für Wild)‹; 2 ›Wasserstelle, Tränke‹,
leckebret
›Zunge‹ (E. 15. Jh.),
leckerei
3 ›Wasserstelle‹ (1. H. 14. Jh.; diese Wortbildung wird von
Dalby, Lex. Mhg Hunt.
1965, 131
allerdings zu
3
lecken
gestellt),
leckung
1 ›Salzlecke‹ (16. Jh.); 2 ›das Schmelzen von etw.‹ (dies möglicherweise zu
3
lecken
 2),
lekmesser
›Dessertmesser‹ (a. 1632),
leksaft
(dazu bdv.:
latwerge
; a. 1662).

Belegblock:

Luther, WA
49, 34, 23
(
1540
):
Etliche, qui prius infensi isti Regi, convertentur et werden staub lecken. [...] Alii werden das hellisch fewer in der helle lecken und die grundsuppen aussauffen.
Ebd.
51, 660, 448
(
um 1535
):
Alte zigen lecken gerne saltz.
Ebd.
53, 637, 23
(
1543
):
Denn es solt gar ein seltzam wesen werden, wenn unsere Toͤchter, [...] wolten uns das haus vol kinder setzen und sagen, sie hettens am Schnee geleckt und hetten sonst keinen andern Vater, O nein, man leckt die kinder nicht am Schnee.
Ebd. Tr.
2, 306, 26
:
so kann man leichtlich zu ihm [Teufel] sagen, ihn zu beschamen: Leck mich im A–.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
84, 1294
(
Magdeb.
1608
):
Circe lies sie was suͤsses lecken.
Ebd.
564, 1822
:
Wenns Wasser solt dem See entgehen | [...] | So leckten wir fuͤr duͤrst den Sand.
Ebd.
491, 7130
:
Weil Gott vns hat die macht gegeben | [...] | Das wir auff Erden gehn / vnd lecken
(elliptisch für: ›sich nähren durch das Fangen von Fliegen mit der Zunge‹)
| Oder tieff im Wasser vns verstecken.
Ebd.
622, 3653
:
Seewasser mocht er nicht lecken / | Es wolt jhm gar zu saltzig schmecken.
Kollnig, Weist. Schriesh.
144, 28
(
rhfrk.
, o. J.):
alle injurien und schmähungen, [...], alß dieb, schelm, lecken, untüchtig bößwicht.
Kopp, Volks- u. Gesellschaftsl.
119, 3
(Hs. ˹
pfälz.
,
M. 16. Jh.
˺):
[Ein medlen] thuet leckhen den löffell.
Österley, Kirchhof. Wendunmuth
1, 411, 15
(
Frankf.
1563
):
schlug sie die kleider hinden auff und sprach: Kom, Marle, und leck mich.
Feudel, Evangelistar
104, 1
(
omd.
,
M. 14. Jh.
):
dy hunde quomen unde lecten ym syne sweren.
Hübner, Buch Daniel
4949
(
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
die welfer quamen | Geloufen und benamen | Leckende im den smerzen.
Küther, UB Frauensee
415, 14
(
thür.
,
1540
):
ob in denn gehultzenn etzliche soelen ader leckenn geschlagen wurden.
Ermisch u. a., Haush. Vorw.
210, 38
(
osächs.
,
1570
/
7
):
Thue viel salz und nim ein wenig heckerling darunter, auch alten backofenleim und was du sonst mehr zur lecken brauchest.
Dasypodius
413v
(
Straßb.
1536
):
Schmeltzung in dem mund / leckung.
Barack, Teufels Netz
10249
(
Bodenseegeb.
,
1. H. 15. Jh.
):
Si
[Bader u. a.]
bliessind den lüten e in die ärs | Und tætind aim die hoden leken.
Päpke, Marienl. Wernher
6975
(
halem.
,
v. 1382
):
[Tiere]
nigent sinen fuͤssen, | Sú kustent und leketent in
[Jesus]
do.
Plant u. a., Main. Naturl.
301ra, 15
(
ohalem.
, Hs.
E. 14. Jh.
):
als daz scorpio dc leckit mit d zvnge͂ vñ stichet danne mit dem zagele.
Lemmer, Brant. Narrensch.
77, 37
(
Basel
1494
):
Sie [frowen] soltten an der kunckel laͤcken | Und nit jm spyel byn mannen staͤcken.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
162, 22
(
oobd.
,
1349
/
50
):
daz diu perinne dar nâch daz geporn flaisch lecke.
Luther, WA
49, 178, 1
;
Peil, a. a. O.
45, 46
;
49, 170
;
567, 1922
;
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Lk.
16, 21
;
Ermisch u. a., a. a. O.
210, 1
;
211, 1
;
229, 5
;
Pyritz, Minneburg
3508
;
Ott-Voigtländer, Rezeptar
205r, 12
;
Gereke, Seifrits Alex.
802
;
5374
;
Kirchert u. a., Vokabulare Co
299
;
Voc. Teut.-Lat.
s iiijv
;
Voc. inc. teut. o
vir
;
Dasypodius
114v
;
Maaler
260r
;
Dict. Germ.-Gall.-Lat.
300
;
Vilmar
246
;
Schweiz. Id.
3, 1249
;
Schwäb. Wb.
4, 1085
;
Rwb
8, 829
;
Wiessner, Wortsch. Wittenw. Ring.
1970, 117
;
Dalby, Lex. Mhg Hunt.
1965, 131
;
Tpma
7, 320
.
Vgl. ferner s. v.
arzetin
 1,
aussaufen
,
ausstieren
,
baldrian
.
2.
›die Zunge (vor Durst) heraushängen lassen, lechzen‹.

Belegblock:

Goldammer, Paracelsus
5, 180, 9
(
1530
):
der lecket auch wie die durstigen schaf und hett geren trunken.
3.
›sich mit jm. gut verstehen; jm. schmeicheln‹; Ütr. und bildlich zu 1.
Bedeutungsverwandte:
2
täuschen
; vgl.
laffen
 2.

Belegblock:

Luther, WA
41, 597, 13
(
1536
):
Gute wort, nichts da hinder, freund fur augen, feind im ruͤcken, vorne lecken.
Ebd.
45, 203, 22
(
1537
):
proverbium: Vorn lecken, hinden kratzen.
Ebd.
49, 232, 1
(
1541
):
Er meinet, er leckt sich mit unserm herr Gott.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
390, 32
(
els.
,
1362
):
Er waz ein bihter. [...] Er fúriach die worheit vnd lěckente nút.
Pfeiffer-Belli, Murner. Kl. Schrr.
6, 98, 24
(
Straßb.
1520
):
das sie [Luters lere] lecket vornan vnd kratzt do hinden.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
117, 2284
;
Lemmer, a. a. O.
39, 18
;
Brévart, K. v. Megenberg. Sphaera
23, 28
;
Schmitt, Ordo rerum
687, 14
;
Maaler
260r
.
4.
›sich schmücken‹.
Bedeutungsverwandte:
mutzen
 2,
zieren
.

Belegblock:

Schweiz. Id.
3, 1246
(a. 
1549
).