gleichsen,
gleichsnen,
1
gleissen,
V.;
vor allem in der Form
gleissen
(nrddt. / md. belegt) nicht sicher von
2
gleissen
(V., unr. abl.) unterscheidbar (vgl. vor allem Bedeutungsansatz 2);
zu
mhd.
gelîchesen
›heucheln‹
(
Lexer
1, 814
).
1.
›etw. zum Schein tun, vorgeben, vortäuschen, simulieren, sich stellen, sich verhalten, als ob / wie wenn [...]; jn. nachahmen, mimen‹;
vgl.
1
gleichen
 1; 6.
Bedeutungsverwandte:
annemen
 18,
erzeigen
(V.) 7,
gebaren
,
stellen
 12,
vergestalten
,
vergleichsnen
,
verhalten
,
verhelen
.
Syntagmen:
etw
. (z. B.
den siechtum, die furcht
)
/ jn. g., sich gerecht, als unwillig g., sich einem freund
›wie, als ein Freund‹
g., sich g., das [...] / als (ob)
[..., + Konj.; mehrfach];
höchlig g
.;
gleichsend, als ob [...]
;
gleichsen
(Subst.)
unrat bringen
.
Wortbildungen:
1
gleisse
›Gleißnerin, Blenderin‹,
gleisser
(Beleg unter
gleichsner
 1).

Belegblock:

Ettmüller, Heinr. v. Meißen
275, 13
(
md.
, Hss.
14.
/
15. Jh.
):
Ein unwip ist ein glize, | diu naht unt tac unkiusche pfligt.
Schwartzenbach
J ijv
(
Frankf.
1564
):
Gleißnen. Verhalten. Verhelen. Vergestalten. Vergleißnen. Nit dergleichen thun / daß ein ding sey / so es doch ist.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Lk.
20, 20
(
osächs.
,
1343
):
vorborgenlîchen santen si lâgende, di sich gerecht glîseten
[
Mentel
1466:
sich gerechten geleichsenten
; 1475
2
–1518:
sich ... erzeygten
;
Luther
1545:
stellen solten
],
ûf daz si en gevîngen.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel
4, 276, 2
(
Straßb.
1466
):
Wann iosue vnd alles jsrahel die schieden sich: sy geleichsenten
[Var. 1483:
geparten
;
Eck
1537:
thetend der gleichen als
;
Luther
1545, Jos. 8, 15:
stelleten sich als ...
]
die vorcht der stat vnd fluchen.
Ebd.
5, 176, 1
:
Ruͦe auff deim bett vnd geleichsen
[
Mentel
1475
2
:
erczaige dich als ...
;
Dietenberger
1534:
nem dich ann du seyest
...;
Luther
1545, 2. Sam. 13, 5:
mach dich kranck
]
den siechtumb.
V. Anshelm. Berner Chron.
4, 106, 4
(
halem.
,
n. 1529
):
Der herzog, der sich vor hat einem fruͤnd glichsnet, zeigt sich iezt ganz geflissen dem desse [...].
Ebd.
5, 154, 17
:
Glisnen oder ze kintlich ein ding dartuͦn, bringt unrat.
Warnock, Pred. Paulis
8, 329
(
önalem.
,
1490
/
4
):
Die glichsnent sich, ob sú den hailgen aposteln in aller volkomenhait wellint nachfolgen.
Ebd.
9, 278
(
önalem.
,
1490
/
4
):
es ist wol ain fúchsine conscientz: summige werch, ain seltzne und kurtze rúw, ain gedichte, ungnuͦgsame oder glichsende bicht, das gebett on ufmerkung.
Österley, Steinhöwels Äsop
56, 24
(
Ulm
1474
/
82
):
Xanthus glychsnet das alles darumb, daz er mainet, der pur solte uff staun und vor dem übel sin wöllen, aber [...].
Fischer, Eunuchus d. Terenz
106, 5
(
Ulm
1486
):
Solt ich ain soliche ursach, [...], so ungehoffte verlieren, so wer ich erst recht der, den ich gleichßnet.
Drescher, Hartlieb. Caes.
158, 13
(
moobd.
,
1456
/
67
):
do kom aller menschen feynt, der teẃfel, in eines pilgreim gestalt, gleichsent als ob in gar ser und hart frúr.
Kurrelmeyer, a. a. O.
1, 303, 6
;
Fischer, a. a. O.
68, 17
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß
129
;
Schwäb. Wb.
3, 690
f.
Vgl. ferner s. v.
armut
 1.
2.
›heucheln, heuchelnd, gleisnerisch handeln‹; speziell: ›mit betrügerischer Absicht, schmeichelnd, schöntuerisch, falsch reden‹; im Vergleich zu 1 mit stärkerer Betonung der Betrugsabsicht;
vgl.
1
gleichen
 6.
Meist Texte der Sinnwelt ,Religion‘.
Bedeutungsverwandte:
anmassen
 5,
aufheben
 33,
augendienen
,
betriegen
 1,
erzeigen
(V.) 7,
federklauben
,
gaukeln
 2,
2
heien
 2,
heucheln
 2,
künzeln
,
liebeln
,
liebkosen
 2,
liebtraben
,
2
liegen
 2; 3,
orenkitzeln
,
orenkraulen
,
schmeicheln
,
schmieren
,
streicheln
,
tänzeln
 2,
zärteln
,
zutütteln
.
Syntagmen
j. (hübsch) g., durch list, mit worten, trieglich g
.; subst.:
ein gleichsen an sich nemen, sich des gleichsens entsagen, des gleichsens nicht bedürfen
; im Part. Präs.:
die gerechtigkeit gleichsende sein
;
die gleichsende beichte, erzeigung
5,
gerechtigkeit / heiligkeit / heiterkeit, gleichsende werke / worte
.

Belegblock:

Schöpper
61a
(
Dortm.
1550
):
Adulari. Schmeicheln liebkosen ohrenkuͤtzeln zu duͤtteln schmieren augendienen liebtraben kuͤntzlen ohrenkrawen federklauben streicheln ¶ zärtlen lieblen heyen täntzlen auffheben ¶ heucheln gleißnen.
Luther, WA
10, 311, 6
(
1521
):
ob sie [gauckeler] vielleicht ein mal [...] yhr gleyssen der warheit, yhr gauckelen dem ernst [...] raumen lassen.
Ebd.
10, 3, 87, 8
(
1522
):
(du solt einen got haben) ich wil einen got anbeten, die scheinen denn mit gleyssenden wercken.
Anderson u. a., Flugschrr.
19, 9, 10
([
Eilenb.
]
1524
):
so mussen wir erst vnser blindtheit erke͂nen die wir sonderlich im getichten glawbe͂ / vñ darnach in gleyssenden wercke͂ tragen.
Helm, H. v. Hesler. Apok.
4509
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
Daz spricht: du salt nicht glichsen.
Ebd.
10043
:
So daz wir nicht englichsen, | So muze wir gerichsen | Uf der erden.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob
11979
(
omd.
,
1338
):
daz sine gerechtekeit, | Di Job von im selbe seyt, | Glyzende were unde glantz | Und were innerhalb nicht gantz.
Palm, Veter Buoch
21, 22
(
schles.
, Hs.
E. 14.
/
A. 15. Jh.
):
Der sieche sprach zornlichen: Ich bedarf dines glichsennes nicht, noch diner guttete.
Sachs
20, 365, 16
(
Nürnb.
1563
):
mit gleissenden schmeichelworten | Zeiget sie grosse freundschafft an.
Chron. Strassb.
533, 20
(
els.
,
A. 15. Jh.
):
wele er mit gewalte nüt möhte überkumen, die überkam er mit glissener heilikeit.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel
9, 506, 9
(
Straßb.
1466
):
die vngengen gleichsent
[Var. 1477f.:
sich valsch erzeygen
;
Froschauer
1530:
mit glatten worten schmeychlen
;
Eck
1537:
truglich sich anmassen
;
Luther
1545, Dan. 11, 32:
heucheln
].
Bächtold, H. Salat
151, 34
(
Freiburg
1537
):
möcht bald uß äferung der böswilligen vermaint werden, diß sin fürnemen ein glichsnende erzeigung sin.
Haltaus, Liederb. Hätzlerin
2, 72, 129
(
schwäb.
,
1471
):
du magst ain pettler sein, | Du kanst geleichsen schöne wort.
v. Maren, Marquard. Ausgabe
112, 14
(
Venedig
1483
):
wan got der maͤinet allen valsch in gleichsenden wercken zuͦ verpitten.
Luther, WA
10, 3, 218, 21
;
17, 2, 125, 34
;
Anderson u. a., a. a. O.
19, 4, 6
;
Karsten, a. a. O.
7972
;
11874
;
13503
;
V. Anshelm. Berner Chron.
3, 125, 14
;
Wiessner, Wittenw. Ring
1712
;
Rieder, St. Georg. Pred.
274, 27
. Var.;
Schmitt, Ordo rerum
688, 5
;
692, 12
;
Voc. Teut.-Lat.
l jr
;
Schwäb. Wb.
3, 690
f.
Vgl. ferner s. v.
beichte
 1.
3.
›sich auf etw. (eine Größenordnung) belaufen, einen Wert erreichen‹; vgl.
1
gleichen
 5a.
Bedeutungsverwandte:
vgl.
anlaufen
 9,
antreffen
 6,
auflaufen
 8,
auslaufen
 6,
austragen
 14,
bedeuten
 10,
belaufen
 6,
kommen
 10,
langen
 1,
laufen
(V.) 12.

Belegblock:

Hübner, Buch Daniel
6249
(
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
da man suchen | Vil wol mac die Gotis wort | Die zu Jeremyam vort | Gesprochen worden uf daz | Daz die storunge debaz | Glichzente, die da geschach | Zu Jerusalem gevach | Swerlich bi der jar rechen | Sibenzic.
4.
als Part. Präs.:
gleichsend
›beruhigend (im Beleg von der Stimme des Ochsenknechtes)‹;
vgl.
1
gleichen
 10.

Belegblock:

Löffler, Columella/Österreicher
2, 9, 3
(
schwäb.
,
1491
):
so soltu zuͦ dem gebunden ochsenn [...] under oͮgen wolgefelklich und glich mit etlichen glichsenden stim komenn.