erfaren,
V., unr. abl.
– Eng vernetztes Bedeutungsfeld mit fließenden Übergängen bzw. Überschneidungen: 1 und 2 lassen sich als Grundbedeutungen, bezogen auf eine physische Bewegung in der Horizontalen, auffassen; 3 bis 6 behandeln als Ütr. eher kognitive, 7 und 8 eher sinnliche bzw. geistig-seelische Aspekte von Wahrnehmung.
1.
›ein Land bereisen, ein Gebiet durchqueren, durchreisen‹; ›(eine Flur mit Weidevieh) überziehen, abweiden‹; speziell im Bergbau: ›einen Gang anfahren, zugänglich machen‹;
zu
er-
1.
Bedeutungsverwandte:
besichten
1,
durchschweifen
,
erreiten
,
erweidnen
; vgl.
bauen
1,
befinden
(V.) 3.
Wortbildungen:
erfaren
(part. Adj.) 1 ›weitgereist, weltgewandt‹ (dazu bdv.:
verreist
; ggs.:
schlecht
, Adj., 10; 15).

Belegblock:

Schorer, Sprachposaun
10, 1
(o. O.
1648
):
der ander Kauffman muste hieraus sehen / daß er [...] mit einem zimlich erfahrnen verreiseten Kerl zu handlen hette.
Mollwo, Rotes Buch Ulm
170, 17
(
schwäb.
,
E. 14.
/
A. 15. Jh.
):
bis die statthirten mit dem hertfihe [...] alles erfaren und erwaidnen.
Chron. Augsb.
2, 104, 9
(
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
Hernach stat geschriben alle land, stett und märk, gegend und dörfer [...], die ich [...] bei meinen tagen erfaren und in den ich gewesen bin.
Altmann, Wind. Denkw.
235, 7
;
Turmair
4, 56, 14
;
Rwb
3, 174
;
Schweiz. Id.
1, 895
;
Schwäb. Wb.
2, 791
.
2.
›jn. / etw. (,fahrend‘, d. h. durch Bewegung) erreichen‹; im Einzelnen: ›sich an einen Ort begeben‹; ›jn. / ein Tier (bei einer Verfolgung) einholen, ereilen‹;
vgl.
er-
1; 5.
Bedeutungsverwandte:
befinden
(V.) 2,
bestellen
2; vgl.
ablangen
4,
1
bereichen
2,
beziehen
3.

Belegblock:

Primisser, Suchenwirt
13, 133
(
oobd.
,
2. H. 14. Jh.
):
Dar nach di veinde er derfuer, | Pei Oͤlsnitz.
Vogel, Pract. Alg. Ratisb.
148, 17
(
moobd.
,
M. 15. Jh.
):
so kumpt dir dy distancz, wie | uil der lancksamer gangen ist, vncz | bis in der sneller erfert, es sein grad oder minuten.
Dalby, Lex. Mhg Hunt.
1965, 53
;
Schweiz. Id.
1, 895
.
‒
Vgl. ferner s. v.
aus
17.
3.
›etw. (eine Nachricht) vernehmen, hören; etw. (eine Information) mitgeteilt, gesagt bekommen; von etw. Kenntnis erhalten‹;
vgl.
er-
5.
Phraseme:
etw. aus js. maul erfaren
; ˹
etw
. (Subj.) [wie oft] (z. B.
nie, oft
u. Ä.)
erfaren sein
;
es
(unpersönliches Subj.)
erfaren sein, das [...]
˺ ›(nie, oft) vorgekommen, geschehen sein‹.
Bedeutungsverwandte:
anbekommen
1,
hören
,
lesen
(V.) 3,
wissen
; vgl.
2
leren
6,
lernen
(V.) 3; vgl.
erfinden
1.
Syntagmen:
etw
. (z. B.
js. zorn, die märe, js. unzucht, böses / gutes, nichts eigentliches
)
e., (etw.)
[wann] (z. B.
heute / nie
), [wie] (z. B.
mit warheit
), [wo, woher] (z. B.
aus den chroniken, von jm., zu einem wirt
)
e
.;
j. e., das [...]
; subst.:
auf erfaren
›bei Bekanntwerden‹.

Belegblock:

Luther, WA
15, 193, 29
(
1524
):
Wolan wyr werdens zu letzt hoͤren und erfaren muͦssen, wens zu lange geharret ist.
Ebd.
30, 2, 405, 6
(
1530
):
so schickt yhm doch zuuor einen vhedebrieff, das er ewrn grausamen zorn vnd drewen erfare.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
80, 1146
(
Magdeb.
1608
):
lebt er [Salomon] gleich zwey tausent Jahr / | Als fuͤr jhm nicht erfaren war.
Thür. Chron.
2r, 13
(
Mühlh.
1599
):
[Noah] erfuhr die Vnzucht seines Sohns / der jhn verlachet hatte.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 136, 25
(
Hagenau
1534
):
Was drey wissen / das erfaren hundert.
Ebd.
508, 4
:
Man erferet allwegen mer boͤses / denn guttes.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
129, 27
(
oobd.
,
1349
/
50
):
Solînus spricht, daz nie ervarn sei, daz der hirz gefebriert hab oder sühtig sei gewesen.
Klein, Oswald
10, 32
(
oobd.
,
um 1423
):
Man list und sagt uns vil von alden jaren, | was wunderzaichen darinn sind erfaren.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
53, 4
(
moobd.
,
1473
/
8
):
[er] erfuer dy mär | zue ainem wirt, der im’s thett alles kunde.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
282, 19
(
m/soobd.
,
16. Jh.
):
wo man aber uber soliches mit warhait erfuer das ainer gevischt hiet.
Ebd.
441, 17
(
17. Jh.
):
welcher [...] gott lässtert oder sonsten einem ehrlichen man- oder weibspersohnen sein ehr [...] abschneidt [...], der soll jedes mall auf erfahren 1 fl gestrafft
[werden].
Peil, a. a. O.
587, 2575
;
Thür. Chron.
17v, 4
;
Alberus, Barf.
537, 3
;
Kehrein, Kath. Gesangb.
1, 91, 4
;
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
66v, 10
;
v. Keller, Ayrer. Dramen
175, 18
;
Henisch
920
 f.;
Rwb
3, 174
.
‒
Vgl. ferner s. v.
anbekommen
1,
anklagen
1,
arbeiten
6.
4.
›etw. erforschen, erkunden, untersuchen‹; mit verschiedenen Nuancierungen auch: ›jn. / sich / etw. erproben, prüfen‹; ›jn. / etw. ausforschen, auskundschaften‹; refl. auch: ›sich umhören, kundig machen, sich (bei jm.) erkundigen‹; ›sich überzeugen‹; absolut: ›nachforschen, (rechtliche) Erkundigungen einziehen‹;
vgl.
er-
6.
Bedeutungsverwandte:
ausforschen
1,
ausfragen
1,
besichtigen
2,
erforschen
2; 3,
erfragen
,
erkunden
3,
erspähen
2,
horchen
,
nachfragen
1; 2,
nachgehen
5,
probieren
2,
prüfen
2,
umsehen
1,
versuchen
.
Gegensätze:
1
glauben
4.
Syntagmen:
j
. [wie lange] (z. B.
x tage
)
e
. (absolut);
jn. / sich e., (sich) etw
. (z. B.
die kundschaft / natur / schrift, js. meinung, sein gewissen, alles, die dinge / wunder
)
e., sich
[wo] (z. B.
aus / in der (ge)schrift, bei / mit / von jm
.)
e
., [wie] (z. B.
besser / eigentlich / fleissiglich / gründlich, durch kundschaft, zu beiden teilen
)
e
.;
j. um etw
. (z. B.
um eine sache
)
e
.;
e., was [...] / wie [...] / ob [...]
; subst.:
das e. des verdachts
;
die gelegenheit des erfarens
.
Wortbildungen:
erfarer
(dazu bdv.:
erfarener
2,
versuchter
),
erfarnis
1 ›Erforschung, Untersuchung‹.

Belegblock:

Luther, WA
28, 267, 35
(
1528
):
Wil mans nicht gleuben, so versuche und erfare mans.
Reissenberger, Väterb.
2568
(
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Do in Antonius sus er vur, | Er wolt in noch irvaren baz, | Ob er snel oder laz | Wolt sine an dem gebote.
Illing, Albert. Sup. miss.
1164
(
els.
,
n. 1380
):
Hie von sprichet sante paulus: Der mensche sol sich probiern vnd erfarn.
Welti, Stadtr. Bern
214, 13
(
halem.
,
n. 1437
):
Vnser schultheis, großweibel [...] suͥllent ouch sweren zuͦ suͦchenne vnd eigenlich zuͦ eruarende, wa ieman, [...], uon vnser stat weren gefaren.
Gagliardi, Dok. Waldmann
2, 483, 8
(
halem.
,
E. 15. Jh.
, Hs.
17. Jh.
):
schicktend wir fon heren [...] einen botten ins her, sy zuͦ erfaren, wie sy in der sach thuͤn und handlen söttind.
Adomatis u. a., J. Murer. Bab.
1647
(
Zürich
1560
):
Ich han die knaͤcht dermaß erfaren | ich weiß ir keiner wirt sich sparen.
Bauer, Geiler. Pred.
321, 14
(
Augsb.
1508
):
Ain mensch der auff der straß affterwegen geet / und alle ding erfaren und ersehen will.
Henisch
920
(
Augsb.
1616
):
Erfarner / erfahrer / versuchter / experiens, expertus.
Turmair
1, 554, 32
(
Augsb.
1516
):
Philosophia est [...] ein erfarnus, erkantnus des grunds, wahrhait, natur aller ding.
Schade, Sat. u. Pasqu.
3, 138, 6
(
Regensb.
1524
):
muͦß man sich in der hailigen schrift wol erfaren und umbsehen, so wirt man an ainem andern ort klarlich finden, daß [...].
Weissthanner, Urk. Schäftlarn
161, 38
(
moobd.
,
1343
):
daz er gen Swalbenstain reyten solt vnd ein kuntschaft eruarn, wen daz wazzergestad [...] angehort.
Gierach, Märterb.
11666
(Hs. ˹
moobd.
,
A. 15. Jh.
˺):
von dem chind erfür er sich, | wo die leichnam lagenn.
Winter, Nöst. Weist.
4, 391, 29
(
moobd.
,
1450
):
man sol auch fleissiklich erfaren ob er chain andern herrn hab.
Roth, E. v. Wildenberg
84, 23
(
moobd.
,
v. 1493
):
do underkamen das die bischof und fürsten, also das sie von der witib erburben frist zehen tag zuͦerfarn, darnach [...].
Bauer, Imitatio Haller
71, 19
(
tir.
,
1466
):
Warum wilt du dich fürprechen für die andern menschen, die da vil weiser vnd gelërter sint, [...], vnd mer versuecht vnd erfaren haben.
Luther, WA
36, 428, 27
;
ders. Hl. Schrifft.
2. Mose 2, 4
;
Peil, Rollenhagen. Froschm.
549, 1345
;
Feudel, Evangelistar
27, 28
;
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
66, 32
;
Kohler u. a., Peinl. GO Karls V.
7, 7
;
Chron. Strassb.
441, 23
;
Fuchs, Murner. 4 Ketzer
2616
;
Müller, Alte Landsch. St. Gallen
174, 10
;
Chron. Augsb.
2, 184, 18
;
Siegel u. a., Salzb. Taid.
334, 42
;
Schöpper
6b
;
Rot
310
;
Henisch
919
ff.;
973
;
Rwb
3, 174
ff.;
Pfälz. Wb.
2, 933
;
Schweiz. Id.
1, 896
 f.;
Schwäb. Wb.
2, 791
f.
‒
Vgl. ferner s. v.
advertenzer
,
ausforschen
1,
ausfragen
1,
erfarung
2.
5.
›etw. feststellen, herausfinden, entdecken‹; auch: ›jn. / etw. ausfindig machen, finden, ermitteln‹; ›jn. erwischen, überführen‹; als Resultativ anschließbar an 4;
vgl.
er-
5.
Bedeutungsverwandte:
ausbringen
4,
finden
,
sehen
5; 6,
treffen
(V.) 5,
wissen
; vgl.
ausgehen
12,
befinden
(V.) 2,
1
bezeugen
3,
ergrapen
,
ersehen
2,
greifen
1,
innenwerden
1; vgl.
erfinden
2.
Syntagmen:
jn
. (z. B.
christen / unholden, edle leute
)
e., etw
. (z. B.
js. namen, die kunst / taglänge / warheit / zeitung, js. grab
)
e., jn
. [wo] (z. B.
in
[+ Ortsname])
e., etw
. [wie] (z. B.
peinlich, durch gichtung / folterung, durch sich selbst, mit rede
), [wo] (z. B.
bei jm., in barbierhäusern
)
e
.;
j. e., ob [...] / was [...] / wie [...] / wo [...] / von wem [...]
.

Belegblock:

Luther, WA
8, 712, 7
(
1522
):
Was ist des Bapsts regiment denn lautter geytz, wilchs gleychen noch nie in keynem regiment der welt also erfaren ist?
Ebd.
30, 2, 37, 33
(
1528
):
Wenn er solt alles ergrobbeln und erfaren, was heimlich von yhm geredt [...] wird.
Ders. Hl. Schrifft.
5. Mose 34, 6
(
Wittenb.
1545
):
ALso starb Mose [...] vnd hat niemand sein Grab erfahren
[
Mentel
1466:
derkant
; Var. 1487-1518 /
Eck
1537:
erkennet
]
: / bis auff diesen heutigen tag.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
548, 1330
(
Magdeb.
1608
):
sie nun auch musten erfahren / | Wenn ein schrecken koͤmpt vnversehens / | So gilt es fliegens vnd nicht stehens.
Thür. Chron.
12v, 15
(
Mühlh.
1599
):
kam zu jhm ein Keyser auß dem Walde / vnd zeiget jhm an / daß er ein Kunst erfahren hette Glasse zumachen / die nicht zerbrechen.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
40, 26
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
do liz di kunigynne irvarn den namen des vurstin der vinde.
Sermon Thauleri
6rb, 27
(
Leipzig
1498
):
tzu hant ist er der dinge mude. vnnd sucht ein anders tzu erfaren vn̄ tzu wyssenn.
Ukena, Kremsm. Sp.
33
(
schles.
,
um 1350
):
Alle dy cristen dy do waren | Dy man in rome mocht irwaren | Dy liz man vortielgen.
M. Cunitia. Ur. Prop.
176, 7
(
Öls
1650
):
Auß gegebener polus hoͤhe / und Sonnen⸗grad die Tag⸗ und Nachtlaͤnge zu erfahren.
Chron. Nürnb.
2, 526, 2
(
nobd.
,
1452
):
ob ich durch mich selb icht erfaren mocht, ob [...].
v. Keller, Ayrer. Dramen
131, 27
(
Nürnb.
1610
/
8
):
Ey, ich hab nur erfahrn wöllen, | Was in dem Brief geschrieben wer.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 122, 29
(
Hagenau
1534
):
Wer newe zeyttung wil wissen / der erfare sie ynn barbier heusern / badstuben.
Wiessner, Wittenw. Ring
3275
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
Daz ist umb anders nicht geschehen, | Dann daz ich die warhait gar | Mit red und widerred dervar.
Lauater. Gespaͤnste
13r, 2
(
Zürich
1578
):
Wie wir etwan by denē erfarēd / die groß hauptwee [...] habend.
Jerouschek, Nürnb. Hexenh.
1r, 29
(
Augsb.
,
1491
):
Das erst capitel sagt wie die oberkait erfaren sol vnholdn̄ in der stat.
Henisch
920
(
Augsb.
1616
):
Etwas durch gichtung oder folterung / oder peinlich erfahren.
Winter, Nöst. Weist.
3, 525, 6
(
moobd.
, Hs.
1519
):
welher solhs merkt und siecht und nit anbringt, ist zu wandl als oft ainer erforen wiert 72 ₰.
Luther, WA
21, 91, 23
;
21, 407, 34
;
51, 151, 3
;
Küther, UB Frauensee
388, 26
;
Chron. Strassb.
1029, 27
;
Köbler, Stattr. Fryburg
75, 19
;
97, 13
;
Chron. Augsb.
2, 94,
Anm. 2;
7, 51, 9
;
Sappler, H. Kaufringer
4, 49
;
Haltaus, Liederb. Hätzlerin
2, 6, 190
;
Dalby, Lex. Mhg Hunt.
1965, 52
;
Rwb
3, 174
;
Pfälz. Wb.
2, 933
;
Schweiz. Id.
1, 896
.
‒
Vgl. ferner s. v.
accusieren
,
affirmieren
,
auslaufen
1.
6.
›sich beraten; einen Ratsbeschluss fassen‹; zur Ausdifferenzierung s.
Rwb
3, 174
 f.; als Spezialisierung anschließbar an 4; 5;
vgl.
er-
5; 6.
Bedeutungsverwandte:
vgl.
angeben
7,
besprechen
1,
erfinden
7,
teidingen
3.

Belegblock:

Chron. Köln
1, 336, 24
(
rib.
, Hs.
1. H. 15. Jh.
):
also ervoire sich die stat van Coelne zo der zit mit iren eltsten wisten vruinden.
Dirr, Münchner Stadtr.
353, 24
(
moobd.
,
1340
):
Nach unsers herren dez cheysers heizz hat der rat ze Muͤnchen sich ervarn mit alter chuntschaft und hat gesetzt nach alter gewonheit.
Mollwo, Rotes Buch Ulm
163, 14
;
Rwb
3, 174
 f.;
Schweiz. Id.
1, 895
 f.;
Schwäb. Wb.
2, 791
;
Cirullies, Rechtsterm. Anh.
1981, 143
.
7.
›etw. (seltener: jn.) mit den eigenen Sinnen (visuell) wahrnehmen, bemerken; etw. mitbekommen, vor Augen haben‹; offen zu 8;
vgl.
er-
3.
Bedeutungsverwandte:
abmerken
1,
befinden
(V.) 1,
begreifen
11,
1
empfangen
8,
merken
I, 1; 9,
schmecken
1; 2,
spüren
; vgl.
auffassen
3,
befinden
(V.) 3,
erblicken
2,
innenwerden
2.
Wortbildungen:
erfarnis
2 ›Beobachtung, Anschauung‹ (dazu bdv.: vgl.
ansehung
1,
gemerke
2).

Belegblock:

Luther, WA
10, 3, 427, 25
(
1522
):
Darnach ist ers so gewiss worden und hat gespuret und erfaren wie Gott mit yhm handelt.
Ebd.
12, 634, 8
(
1523
):
die freündtschafft gottes schmecken ist, wann man sye erferdt mit dem leben.
Ebd.
47, 676, 18
(
1539
):
quando ein guter Gesel ein jungfraw nimpt und erferet, quod non rein, bringet ein kind zufruͤe, der hat sein leben ein eckel an dem leben.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
544, 1192
(
Magdeb.
1608
):
Der meint / weil er kein Nachbarn hette / | So erfuͤr niemand / was er thete.
Österley, Kirchhof. Wendunmuth
1, 373, 26
(
Frankf.
1563
):
[seine magd] sagt, er [becker] solte kommen, wann es am geheimisten, das es die frauw nicht erführe, geschehen möchte.
Schmidt, Rud. v. Biberach
70, 29
(
whalem.
,
1345
/
60
):
Was der sin begrift, daz lúht in der bilderin, die bescheidenheit erfert es, der furstant enphahet es, dv́ verstantnissi begrift es.
Lauater. Gespaͤnste
12v, 18
(
Zürich
1578
):
so mag vß mancherley kundtschafft vn̄ zügnuß der historien / ouch taͤglicher erfarnuß bewaͤrt vnd kundtlich gemacht werden.
Rapp, UB Stuttg.
537, 6
(
schwäb.
,
1492
):
Nachdem wir vil und mengerlai mangels und gebrechens in unser statt [...] durch taͤglich eroͤgen erfarent, habent wir [...].
Luther, WA
15, 622, 27
;
Froning, Alsf. Passionssp.
7471
;
Henisch
919
f.
‒
Vgl. ferner s. v.
abmerken
1.
8.
›jn. / etw. wahrnehmend erleben, geistig-seelisch erfahren‹; teils mit der Implikation, seine Verhaltensdisposition entsprechend zu ändern und sich entsprechend dem Erfahrenen zu verhalten; im Einzelnen: ›etw. lernen, sich (aktiv) Fähigkeiten, memorierbares Wissen aneignen, erwerben‹; ›etw. durchstehen, mitmachen, erleiden‹; ›etw. in einem umfassenden Sinne verstehen, erkennen, begreifen‹;
vgl.
er-
6; 8.
Phraseme:
etw. an seinem eigenen leibe erfaren
;
sich noch nicht erfaren haben
›sich noch nicht auskennen‹.
Bedeutungsverwandte:
begreifen
12,
bekennen
(V.) 5,
betrachten
7; 8,
empfinden
(V.) 2,
ergründen
,
erkennen
1; 2,
finden
,
fülen
,
gehen
15,
geschehen
3,
greifen
14,
1
leiden
(V., unr. abl.) 1,
lernen
2,
nachdenken
2,
schauen
6,
verstehen
,
wiederfaren
; vgl.
ausstehen
9,
befinden
(V.) 4,
innenwerden
3.
Gegensätze:
1
glauben
6.
Syntagmen:
jn. / sich / etw
. (z. B.
undank, den weg, gottes segen, krankheit / schwachheit, die gnade / güte / heimlichkeit / ursache / wüste, das sprichwort
)
e., j. / etw
. (Subj.,
die welt
)
etw. e., etw
. [wie, wodurch] (z. B.
genugsam / selbst
(häufig),
zu viel, an jm. / sich, durch übung, durch das wort, in anfechtung / kreuz, js. wort
)
e., j. e., wie [...]
; mit objektbezogenem präd. Attr.:
jn. dienstbar / gewislich / weise, etw. arg e
.;
jm. etw
. (Subj.) [wie, womit]
erfaren
›jm. etw. [wie, womit] widerfahren, ergehen‹.
Wortbildungen:
erfarnis
3 ›sinnliches Erleben‹.

Belegblock:

Luther, WA
1, 198, 10
(
1517
):
dann die selben erfaren, wie tieff die erbsund unnß vorterbet hat.
Ebd.
10, 1, 2, 252, 25
(
1526
):
diß werden wir auch nicht lernen noch versteen, wier erfarens denn, als wenn wir sprechen werden: das ist mir widerfaren, das hab ich empfunden, so ist mirs gangen.
Ebd.
16, 386, 26
(
1525
):
Jch hab es selber gesehen und erfaren, wie toll, rasend und unsynnig sie [Rottengeister] waren.
Ebd.
17, 2, 200, 32
(
1525
):
er ist eyne hertzliche zuversicht auff die gnade und guete Gottes, die durch das wort erfaren und offenbart wird.
Ebd.
33, 423, 1
(
1531
):
Lass gehen, sie wollens erfharen, sie sollen das lachen und spotten nit enttragen.
Ebd.
37, 36, 22
(
1533
):
wir sehen mit augen, fuͤlen und erfarens da zu an unsern eigen leibe, das die gantze wellt dahin stirbet und verdirbet.
Ders. Hl. Schrifft.
2. Mose 6, 7
(
Wittenb.
1545
):
Das jrs erfaren
[
Mentel
1466 /
Eck
1537:
wissen
]
solt / das ich der HERR bin ewr Gott.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
252, 6430
(
Magdeb.
1608
):
Wie seid jhr denn so gar verkahrt? | Das jhr etwas bessers begert / | Denn sonst die gantze Welt erfert?
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst
2, 88, 31
(
Frankf.
1546
):
such Lust, auff das du [...] durch die Erfarnus wissest, was das Gut ist!
Anderson u. a., Flugschrr.
19, 13, 14
([
Eilenb.
]
1524
):
es muß sein der enge weg [...] nach dem aller liebsten willen Gottes in seinem lebendigen wort studirth vnd erfaren werden.
Roloff, Naogeorg/Tyrolff. Pamm.
151, 1311
(
Zwickau
um 1540
):
Abr erger ichs noch nie erfahren han.
Franck, Klagbr.
221, 24
(˹wohl
Nürnb.
˺
1529
):
Fragstu den vrsprung vnd vrsach solliches erbermlichen verderbens? Sihe wir [...] haben diese vrsach gnugsam erfaren und ergriffen.
Illing, Albert. Sup. miss.
889
(
els.
,
n. 1380
):
Wer mag oder kan daz erfarn oder betrahten, wie moͤnsc(h)lich lib vnd sele vereiniget si der gotheit in einre person.
Ebd.
1331
:
so spricht sante paulus: Wellent ir eruarn oder enpfinden den, der in mir ret, das ist cristus.
Goldammer, Paracelsus
4, 249, 5
(
1530
):
darumb sollen wir verstendig sein in allem geschepf im himel und erden, lernen und erfahren, ergrunden und nachdenken den werken gottes.
Chron. Augsb.
1, 99, 19
(
schwäb.
, zu
1395
):
Do daz Jacob Pütrich vernam, wie ez sinem sun mit dem rechten erfaren was.
Bauer, Geiler. Pred.
103, 25
(
Augsb.
1508
):
es ist davon / das sy zuͦvil woͤllen erfaren unnd erkennen. Dißs kummpt inen auß hochfart.
Henisch
920
f. (
Augsb.
1616
):
Du wirst jhn finden vnd erfaren weiß vnd dienstbar. [...]. Wers nit glaben will / der erfahrs. [...]. Es tut wehe / undanck fuͤr gutthat erfahren.
Ebd.
922
:
Wer vil erfaͤhrt / muß vil leiden. Vil leiden vnd erfaren / macht entpfliegen alle Garen
(›alles Rüstzeug‹).
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
152, 10
(
oobd.
,
1349
/
50
):
daz geschiht allermaist [...] in der prunst irr unkäusch und allermaist jung katzen, die sich noch niht ervarn habent.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
17, 34
(
tir.
,
1464
):
Wil man gelauben dem erfarer, so gelaubt mir, die heilikhait des lebens die ist vil mer pewëgen die herczen der menschen wend die hübschen rede.
Mieder, Lehmann. Flor.
181, 13
;
Luther, WA
10, 1, 2, 251, 27
;
12, 635, 6
;
16, 297, 29
;
21, 225, 21
;
28, 517, 34
;
ders. Hl. Schrifft.
Pred. 8, 5
;
Peil, a. a. O.
688, 5720
;
Mathesius, Passionale
50v, 19
;
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
132
;
Dietrich. Summaria
23r, 10
;
Wickram
4, 6, 30
;
Steer, Schol. Gnadenl.
4, 47
;
Bauer, Geiler. Pred.
473, 6
;
Bauer, Imitatio Haller
81, 5
;
Henisch
919
ff.;
922
;
Rwb
3, 174
;
Schweiz. Id.
1, 897
;
Schwäb. Wb.
2, 791
f.
‒
Vgl. ferner s. v.
anfechtung
1,
befinden
(V.) 6,
erfaren
(Adj.) 3,
jar
7.