betriegen,
betrügen
(letzteres im Wmd. / Wobd. seit dem mittleren Frnhd. sehr vereinzelt),
V., unr. abl.;
zur Herkunft und Geschichte der
ü
-Formen vgl.
Dwb
11, 1, 2, 1260
 f. sowie die Bemerkungen im
Schweiz. Id.
14, 625
und 667.
1.
›jn. täuschen, jn. durch Vorspiegelung logisch falscher, religiös verwerflicher (usw.) Tatsachen betrügen, jn. blenden, irreleiten, verleiten, verlocken, verführen‹; im Unterschied zu 2 unter Zurücktreten des eigenen Vorteils; offen zu 2.
Phraseme:
die zeit betriegen
›die Zeit totschlagen‹.
Bedeutungsverwandte:
affen
(V.) 1; 2,
bescheissen
 3,
betören
 3,
blenden
 3,
eingeisten
,
einlocken
,
1
gleissen
(s. v.
gleichsen
 2),
1
leichen
 1,
2
täuschen
,
verfüren
,
verraten
; vgl.
bestricken
 3.
Syntagmen:
j
. (z. B.
der redner
)
/ etw
. (z. B.
der dünkel / sin / unglaube / traum / wan / wein, die klugheit / meinung / sünde, das gesicht
) (
jn.
)
b., der satan / teufel, propheten jn. b., j. / etw. die sele, das herz b., jn. lästerlich / schwerlich b., jn. / sich mit etw
. (z. B.
mit zauberei / hofnung, mit titeln
)
b
.;
falsches betriegen
;
ane betriegen
›ohne Zweifel‹ bzw. ›unfehlbar‹.
Wortbildungen:
betriegolf
.

Belegblock:

Pfefferl, Weigel. Gn. S. 
102, 8
(
um 1571
, Hs.
1615
):
Nun Adam betrogen durch die schlange aß vom verbottenen Paumb.
v. Ingen, Zesen. Rosenw.
35, 14
(
Hamburg
1642
):
und wolten ferner mit allerhand lustigen Gespraͤchen die Zeit betruͤgen.
Luther, WA
17, 1, 233, 35
(
1525
):
Meine hoffnunge wird mich nicht betriegen.
Ders. Hl. Schrifft.
Hab. 3, 5
(
Wittenb.
1545
):
der Wein betreugt den stoltzen Man.
Froning, Alsf. Passionssp.
3877
(
ohess.
,
1501ff.
):
Her, ich wel dir nycht liegen: | die paner neiget sich ane betriegen!
Ebd.
4667
:
darumb sijt er des tufels kynt! | ir losßet uch den tufel betrugen alle!
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
5816
(
rib.
,
1444
):
he verredet dich | Ind bedruycht ind verleidet qualich.
Jostes, Eckhart
64, 29
(
14. Jh.
):
Daz sint die, [...] die do reinen hertzen sint, und sint di, die nieman betriegen, (mak) und die von nieman betrogen werden.
Strauch, Par. anime int.
39, 5
(
thür.
,
14. Jh.
):
wer ist recht einvaldic? daz ist der nimannen betrubit noch betrugit mit nichte.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
15, 3
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
gütig und scharpf pflegt ir euch zu beweisen den, die ir meint zu betriegen.
Feudel, Evangelistar
124, 23
(
omd.
,
M. 14. Jh.
):
Wen dy valschen propheten kumen unde sullen czeichen gebin unde valsche gote czu betrigende dy uz irwelten.
Rupprich, Dürer
3, 296, 538
(
nobd.
,
1528
):
Dann das wissen ist warhafft, aber die meynung betrewgt offt.
Hampe, Ged. v. Hausrat
2, 1, 16
(
nürnb.
,
1544
):
die lieb thuet dich petriegen | Vnd plendet dich in diesen sachen.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
136, 20
(
Nürnb.
1548
):
der Teuffel vnd die menschen koͤnnens nit / ob sie wol bißweilē durch gespenst / augen vnd ohren betriegen / das es den schein hat / alß [...].
Kehrein, Kath. Gesangb.
2, 469, 18
(
Nürnb.
1631
):
Man kan jhn [Gott] nicht betriegen.
Morgan u. a., Mhg. Transl. Summa
267, 23
(
schwäb.
,
14. Jh.
):
so ist sin not zuo dem, dar zuo si geordent wirt von gotte, niht von getwange, sunder ane betriegen.
Vetter, Pred. Taulers
326, 15
(
els.
,
1359
):
wan der mensche als valschlich lebet und betrúget sich selber.
Lemmer, Brant. Narrensch.
71, 24
(
Basel
1494
):
Das sie [redner] die sachen wol verkluͤgen | Vnd mit geschwaͤtz / eyn richter btruͤgen.
Ebd.
101, 16
:
Das kan man verben / vnd verkluͤgen | Do mit man moͤg dest baß betriegen | Vnd schaffen / das mans gloubt dest ee.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 22, 25
(
Hagenau
1534
):
Wer leichtlich glaubt / wirt leichtlich betrogen.
Ebd.
129, 7
:
Was die augen sehen / betreuget das hertze nicht.
Anderson u. a., Flugschrr.
4, 7, 12
([
Straßb.
]
1524
):
vor den zuckenden wolffen / die sich vnder der schaff woll zů der herd schlahent / damit sie dester hoflicher / betriegent.
Ebd.
10, 18
:
deßhalb sie vns gern mit hübscher weysser schieme betriege͂.
Ebd.
12, 8, 33
(
Wittenb.
1522
):
ich weiß / das die warheitt weder liegen / noch bedrigen / noch verfuren kan.
Ebd.
19, 18, 30
([
Eilenb.
]
1524
):
die dich heilig vñ gut heyssen / betriegen dich.
Roloff, Brant. Tsp.
2175
(
Straßb.
1554
):
Damit hatt sie [Wolust] all welt betrogen | Und ist doch alles erstunckin und erlogen.
Päpke, Marienl. Wernher
4125
(
halem.
,
v. 1382
):
Er ist allain almæchtig Got, | [...] | Und ist das volk mit úns betrogen: | Er ist war und wir gelogen.
Haas u. a., Erasmus/Jud. Klag
8v, 9
(
Zürich
1521
):
mich betrieg dann min meinung / meint er mit disem eben das / das [...].
Rennefahrt, Zivilr. Bern
741, 21
(
halem.
1615
):
Von ehelüten 1. satz. Das niemandt in der ehe betrogen werden soͤlle.
Maaler 64v-
65r
(
Zürich
1561
):
Die waͤchter Betriegen/ Heimlich außhingon / daß die huͤter nit werdend innen. Custodes fallere. [...]. Es seye dañ sach daß mich mine sinn Betriegind.
Henisch
351
(
Augsb.
1616
):
Wonolff ist betriegolffs bruder
(so auch in
Lemmer
, Brant. Narrensch. 67, 64; vgl. zu
-olf
:
I. Reiffenstein
, Erträge [...]. Festgabe f. W. Bauer. 1999, 363).
Gab vnd geschenck betriegen manch schoͤn Maͤgdlein. [...]. Grosse taschen / darin kein gelt / Betriegen manchen klugen Held. [...]. Sich selbs betriegen / ist die leichste arbeit. Was die augen sehen / betriegt das hertz nicht.
Hohmann, H. v. Langenstein. Untersch.
55, 53
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
welche ruerung sein von dem geiste gots oder welches die petriegünden geist sein.
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
509
(
moobd.
,
A. 15. Jh.
):
Do aber si [Eva] [...] den man betrog, darumb so herschet ir der mann czu einer ewigen puez.
Ebd.
932
:
wie der tewfel vnser erste frewnt betrogen hat, als die schrifft daz sagt: Es stund vor dem weybe in der gestalt der slangen der hoffertig veind.
Eis u. a., G. v. Lebenstein
70, 9
(
oobd.
,
1. V. 15. Jh.
):
Welches kind der alp betrügt, dem geb man es zu trincken.
Klein, Oswald
3, 30
(
oobd.
,
1422
?):
David, Salomon | durch frauen sind betrogen frävelich.
Ebd.
19, 20
(
1416
):
Der ainen vogel vahen müss, | das er im nicht emphliege, | der tü im richten, locken süss, | domit er in betriege.
Turmair
5, 39, 17
(
moobd.
,
1522
/
33
):
dan das gemein alt sprichwort ist ’kain gelt macht den schalk frum’; es betreugt wol under dem schein der fürsichtigkait den menschen und verfüert in.
Bauer, Imitatio Haller
72, 4
(
tir.
,
1466
):
vnser czweiflung vnd sinn die sint vns offt petriegen vnd sint gar lüczel sehen vnd versten.
Froning, a. a. O.
5667
;
7192
;
Neumann, Rothe. Keuschh.
4032
;
4034
;
Gille u. a., M. Beheim
21, 49
;
76, 139
;
82, 448
;
193, 3
;
Reichmann, a. a. O.
236, 17
;
257, 24
;
Vetter, a. a. O.
423, 4
;
Lemmer, a. a. O.
67, 64
;
92, 5
;
103, 5
;
Steer, Schol. Gnadenl.
1, 139
;
6, 38
;
Lauater. Gespaͤnste
171, 19
;
Sappler, H. Kaufringer
5, 460
;
11, 40
;
Brandstetter, Wigoleis
203, 38
;
212, 11
;
Baptist-Hlawatsch, a. a. O.
695
;
1304
;
Munz, Füetrer. Persibein
49, 6
;
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
115, 35
;
Voc. inc. teut.
c vr
;
s vijv
;
Voc. Teut.-Lat.
d vv
;
Rot
302
;
Henisch
350
f.;
Dietz, Wb. Luther
1, 287
;
Schweiz. Id.
14, 621
.
Vgl. ferner s. v.
affen
(V.) 2,
1
al
 1,
arzet
 1,
1
atze
.
2.
›jn. zum eigenen Vorteil betrügen; jn. übervorteilen, betrügerisch um etw. bringen‹.
Bedeutungsverwandte:
2
abliegen
 1,
anschelmen
,
abziehen
 20; 21,
anfüren
 3,
ansetzen
 12,
aussaugen
 2,
berücken
,
bescheissen
 3,
betören
 1,
einfüren
 3,
fallieren
,
gefärden
 1,
hintergehen
,
hinterkommen
,
1
leichen
 1,
leidigen
 1,
letzen
 1,
narren
 2,
niederrennen
,
schädigen
 1,
schinden
 3,
schrenken
,
2
täuschen
,
überklügen
 1,
verfüren
,
verkeren
,
veruntreuen
,
vervorteilen
; vgl.
bevorteilen
.
Syntagmen:
jn
. (z. B.
got, den nächsten
, mehrfach:
arm und reich
)
b., jn. an etw
. (z. B.
an dem kauf
)
/ um etw
. (z. B.
um das gelt
)
/ über etw
. (z. B.
über den halben teil
)
/ mit etw
. (z. B.
mit der münze
)
b
.

Belegblock:

Mieder, Lehmann. Flor.
91, 24
(
Lübeck
1639
):
Wer nicht betrogen wird / der hat kein Schaden.
Schöpper
16a
(
Dortm.
1550
):
Fallere. Betriegen verforteiln geferden einfuͤren teuschen vberkluͤgen bescheissen hintergehen bethoͤren hinterkommen vbers seyl werffen schrencken feinantzen das huͤtlin vffsetzen beruͤcken jns stuͤblin fuͤren mit dem Judenspieß nieder rennen ¶ außsaugen beroͤpffen schinden.
Luther, WA
17, 2, 35, 4
(
1525
):
[das sie] die wellt umb yhr gutt betriegen und yhren bauch messten.
Ders. Hl. Schrifft.
Hos. 12, 8
(
Wittenb.
1545
):
der Kauffman hat eine falsche Woge in seiner Hand / vnd betreugt gern.
Köbler, Ref. Wormbs
83, 13
(
Worms
1499
):
also byn ich hynderkõmen vnd betrogen mee dann vber den halben teil des rechte͂ werds.
Ebd.
107, 9
:
Oder verkaufft yme wissentlichen frembde habe oder güter die nit syn oder in synem beuelh sindt. oder sunst betrüglich gegen einem handelt vnd betrügt in.
Ebd.
360, 6
:
dadurch er synen vorteil oder andere sucht zubetriegen oder zuueruntrüwen.
Ders., Ref. Nürnberg
291, 3
(
Nürnb.
1484
):
Von den geltern die Jre glawbiger in furnemen derselben betriegen. vnd nit bezalen.
Stambaugh, Milichius. Zaubert.
12, 10
(
Frankf./M.
1563
):
Die Zauberey ist ein heymliche practick damit der Teuffel die menschen betreuget und beschediget.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Lk.
19, 8
(
osächs.
,
1343
):
ob ich îmant icht betrogen habe, daz gebe ich vîrvalt wider.
Ermisch, Sächs. Bergr.
87, 16
(
osächs.
,
1477
):
die gewercken, die ir gelt truwelich darzcu gelegt und dareyn gekaufft, betrogen sind.
Baumann, Bauernkr. Rotenb.
257, 30
(
nobd.
,
n. 1525
):
wie er dem wirt ain magt notzuchten und betriegen wöllte.
Goldammer, Paracelsus
4, 246, 15
(
1530
):
als die arzt und philosophi [...]: bleiben allein im schein, [...] die leut zu bescheißen, zu betriegen.
Roloff, Brant. Tsp.
247
(
Straßb.
1554
):
Auffsatz und betriegen hatt yetz ehr.
Welti, Stadtr. Bern
307, 21
(
halem.
,
n. 1437
):
dar vmb aber erber luͥt digk vnd vil werdent betrogen vnd geschedigett.
Müller, Alte Landsch. St. Gallen
97, 12
(
halem.
,
1562
/
4
):
Dardurch frömbd und haimsch an hauptgůt und zins betrogen und verfüert werden.
Maaler
64v
(
Zürich
1561
):
Betriegen / Eim ein ding mit betrug abziehen.
Rot
311
(
Augsb.
1571
):
Fallirn, Betriegen / vberlisten / laichen.
Henisch
350
f. (
Augsb.
1616
):
Den honig vmbs maul streichen / verfuͤhren / betriegen / vber den toͤlpel werffen / vmb die fichten fuͤhren [...]. Ein Aff kan den Fuchs nicht betriegen. Ein Fuchs kan schwerlich den andern betriegen. [...]. Grosse reiche buben / betriegen offt die armen. [...]. Mancher helt glauben in einem kleinen / auff das er desto leichter betriege in einem grossen. [...]. Wer mich einmahl betreugt / der soll mich nicht mehr betriegen. Wer mich zum andern mahl betreugt / der thut mir eben recht. Wer mich einmahl betreugt / den schilt ich / betreugt er mich zweymal / so danck ich jhm. [...]. Die Welt will betrogen vnd genarret sein / das tregt manchen fette Schweine in die kuchen. [...]. Es ist kein Schalck so verschlagen / Er wirt zuweilen von andern betrogen.
Klein, Oswald
112, 22
(
oobd.
,
1438
):
nach den gesetzten kaiserleich, | da wirt betrogen arm und reich.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
527, 8
(
m/soobd.
,
1623
):
Wer mit falscher münz betretten wirdt und seinen negsten dormit betreugt und zu schaden fiert.
Mieder, a. a. O.
92, 11
;
Luther, WA
17, 2, 120, 17
;
Quint, Eckharts Pred.
1, 7, 7
;
Österley, Kirchhof. Wendunmuth
3, 248, 15
;
Luther, WA
30, 3, 222, 5
;
Kisch, Leipz. Schöffenspr.
258, 15
;
Goldammer, a. a. O.
4, 250, 16
;
Rennefahrt, Stadtr. Bern
69, 23
;
411, 3
;
Koller, Ref. Siegmunds
106, 21
;
274, 7
;
Spiller, Füetrer. Bay. Chron.
96, 16
;
Schmitt, Ordo rerum
684, 16
;
Schwartzenbach
D vjr
;
Henisch
350
f.;
Dietz, Wb. Luther
1, 287
;
Schweiz. Id.
14, 621
.
Vgl. ferner s. v.
2
abliegen
 1,
abschelmen
,
adhibieren
,
anfüren
 3,
armut
 4,
ausfressen
 1.
3.
im Beleg im Passiv: ›sich verlesen, versprechen‹.

Belegblock:

Sievers, Oxf. Benedictinerr.
25, 4
(
hess.
,
14. Jh.
):
Welche ane hebet salm oder respons obe antiphene obe letze und da ane bedrogen wirt, si inotmudige sich zu hant.