anrufen,
anrüfen
(ersteres etwas häufiger belegt, letzteres vorw. obd.), V.;
regelmäßige (für anrüfen
) und unregelmäßige (für anrufen
) Formen sind unter semantischem Gesichtspunkt nicht trennbar; dies gilt auch für anrufer / anrüfer
und anrufung / anrüfung.
Aus diesen Gründen wird jeweils von einer einzigen Worteinheit ausgegangen.1.
›jn. anschreien; jm. etw. laut zurufen, nach jm. rufen; jn. rufend zu etw. auffordern‹; offen zu 2 und 3; zu
2
rufen
1.Belegblock:
Chron. Köln
1, 358
(rib.
, Hs. 1. H. 15. Jh.
): dat volk hie anreif, | dat si leifen zo velde | ind hoilden den man mit gewelde.
Feudel, Evangelistar
32, 31
(omd.
, M. 14. Jh.
): Jhesus rif sy an unde liz sy nicht sprechen.
Päpke, Marienl. Wernher
8158
(halem.
, v. 1382
): Do er [der herre] ze Peters fuͤssen kam, | Der erschrak und ruͦft in an.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
300, 3
(moobd.
, 1473
/8
): Achilles sy anrueffen | gar manlich thet.
Winter, Nöst. Weist.
1, 727, 35
(moobd.
, M. 15. Jh.
): ob aber der wirt iemant anrueft und trib im ainen solichn gewalt in dem haus.
Feudel, a. a. O.
18, 15
; Rwb
1, 705
.2.
›jn./(selten:) etw. mit erhobener Stimme um Hilfe ansprechen, jn. rufend bitten, jn. anflehen; um etw. bitten, flehen‹; oft im religiösen Sinne verwendet, dann vereinzelt mit der Nuance ‚jn. religiös verehren‘; zu
2
rufen
2.Bedeutungsverwandte:
anbeten
anlangen
ansuchen
bitten
erheischen
ersuchen
flehen
angelfen
anmuten
anschreien
Syntagmen:
got
(oft) / den (heiligen) geist / herren / Jesus / vater / heiligen / menschen, Maria, die mutter (gottes) a., die gnade / kraft / js. kekheit, das holz, den stein, den namen (des herren), das blut a.
; jn. um etw.
(z. B. hilfe / barmherzigkeit / sterben
) a., jn. für einen got a.
; die hilfe / gnade a.
; subst.: auf anrufen
›auf Ersuchen, Veranlassung‹ (dazu bdv.: bitte
).Wortbildungen:
anruf
anrufbrief
Belegblock:
Jostes, Eckhart
76, 19
(14. Jh.
): Alle creaturen ruffen an den menschen, daz er got minne.
Hübner, Buch Daniel
6546
: Rufe wir Marien an, | [...] | Daz sie uns unser sinne | Behalde ane wanken.
Eggers, Psalter
4, 11
(thür.
, 1378
): Do ich vn ane rif, da gehorte he mich, der got miner rechteheite.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
14, 12
(Hs. ˹omd.
, 1465
˺): ee hat zu lange gelebt, wer uns umb sterben hat angeruft.
Opel, Spittendorf
288, 2
(osächs.
, um 1480
): das man noch ansuchen muste an die von Magdeburg und sie anrufen, mit uns die fursten zu besuchen.
Pyritz, Minneburg
1675
(nobd.
, Hs. um 1400
): Wer wol von got wil kosen, | Der muͤs mit synnes glosen | In ruffen an umb stur, umb helff.
Gille u. a., M. Beheim
449, 231
(nobd.
, 2. H. 15. Jh.
): so wurstu schnelliglich erlast | von dem anruff des namen.
hail. altvaͤter
106v, 3
(schwäb.
, E. 14. Jh.
): das ir [...] got weder getorst an ruͤffen noch sinen namen genẽmen.
Ruh, Bonaventura
337, 21
(oschwäb.
, 2. V. 15. Jh.
): Zem vierden gegnet geschray in anruͦffen hilff vierlay.
Chron. Augsb.
5, 47, 13
(schwäb.
, 1523
/7
): da ward ain junger burger [...] gefangen auff anrieffen seiner fraind.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
377, 22
(oobd.
, 1349
/50
): daz die götter und die gaist, die man anruoft mit pildengeschrift [...], die zaubrœr dester ê erhœrnt.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
80, 5
(oobd.
, 3. Dr. 15. Jh.
): das wir unns auff Ewr hoch anrueffen, ersuechen und versprechen in aigner personn [...] auffmachten.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron.
4, 15
(moobd.
, 1478
/81
): so rüeff ich an [...] die hilff vnd genad des heiligen geists.
Ebd.
89, 11
: Als dise [...] junckfraw [...] die zwen so gar erpärmklich anrüefte, so das ir geperd und pet durch ain stainen hertz möcht gedrwngen haben.
Bauer, Imitatio Haller
85, 15
(tir.
, 1466
): wir süllen gott fleissikchleicher vnd inprünstikleicher an rueffen vnd pitten, das er vns czue hilff kchöm.
Helm, H. v. Hesler. Apok.
7733
; 15338
; Quint, Eckharts Trakt.
415, 8
; Rosenthal. Bedencken
12, 19
; Froning, Alsf. Passionssp.
1591
; Franz u. a., Qu. hess. Ref.
3, 2, 245, 19
; Hübner, a. a. O.
517
; 5705
; Neumann, Rothe. Keuschh.
2289
; Kehrein, Kath. Gesangb.
1, 133, 2
; 2, 547, 1
; 3, 143, 2
; Pyritz, a. a. O.
4891
; Gille u. a., a. a. O.
84, 188
; 238, 145
; 262, 75
; 352, 157
; 449, 229
; Mayer, Folz. Meisterl.
6, 112
; Chron. Nürnb.
4, 201, 6
; Bell, G. Hager
275, 1, 17
; Rieder, St. Georg. Pred.
198, 1
; Koller, Ref. Siegmunds
85, 17
; Chron. Augsb.
4, 29, 23
; Banz, Christus u. d. minn. Seele
991
; 1559
; Päpke, Marienl. Wernher
1352
; 10617/8
; 13014
; Eschenloher. Medicus
46, 2
; 82, 11
; Lindqvist, K. v. Helmsd.
1220
; 3502
; Kottinger, Ruffs Etter Heini
3286
; Spechtler, Mönch v. Salzb.
23, 21
; Pfeiffer, a. a. O.
252, 5
; Turmair
1, 434, 16
; 4, 19, 31
; 348, 30
; Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
75, 12
; Voc. Teut.-Lat.
b iiijv
; Voc. inc. teut.
b ijr
; Schöpper
102b
; Serranus
14r
; Maaler
25r
; Schwartzenbach
E jv
; Dietz, Wb. Luther
1, 95/96
; Pfälz. Wb.
1, 269
; Schwäb. Wb.
1, 249
; Schweiz. Id.
6, 699
; Rwb
1, 705
.3.
›jm. etw. gebieten; etw. anordnen‹.Bedeutungsverwandte
(zu letzterer Variante): anordnen
Belegblock:
Große, Schwabensp.
159a, 32
(Hs. ˹nd.
/md.
, um 1410
˺): hat man aber on angerouͦfen, Daz her nicht ne werfe.
Mell u. a., Steir. Taid.
8, 1
(m/soobd.
, 1546
): darauf angeruefen solh aindlif phunt vier schilling phening abzustellen.
Winter, Nöst. Weist.
3, 468, 28
(moobd.
, 17. Jh.
): und einer daßselbig ansagen veracht oder anruefen.
Rwb
1, 705
.4.
›jn. (als Instanz)/etw. (eine Instanz) zur Sicherung von Rechten bemühen, um Rechtshilfe bitten‹; oft: das recht anrufen
›vor Gericht gehen‹; zu
2
rufen
4.Bedeutungsverwandte:
appellieren
anschreien
Belegblock:
Kollnig, Weist. Schriesh.
105, 36
(rhfrk.
, 1569
): Mögen sie das nicht tun, sollen sie anrufen die andere dorf.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
207, 16
(thür.
, 1474
): (er) hat des daz obirste gerichte angeruffen unde Ticzeln Zcahenen vorgeladen met rechten gebotin.
Chron. Nürnb.
1, 197, 5
(nobd.
, 1400
): wenn wir dann [...] unsern gnedigen herren [...] anruͤffen, so sol er uns getrewlichen mit aller seiner macht beholffen sein.
Kohler u. a., Bamb. Halsger.
17, 3
(Bamb.
1507
): so ein ancleger vnser amptleut oder Richter anruft, yemant zu Strengem Rechten zu gefengknus zu legen.
Koller, Ref. Siegmunds
303, 20
(Hs. ˹Basel
, um 1440
˺): sy süllent ǒch gehorsam sin allen, die sie anrieffent, nieman abslahen.
Chron. Augsb.
2, 304, 16
(schwäb.
, Hs. 16. Jh.
): wer [...] das recht anrüefte.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
55, 20
(oobd.
, 3. Dr. 15. Jh.
): die von Kollen am maysten ruefften den kayser an, das er [...] solchem furcham.
Turmair
5, 334, 21
(moobd.
, 1522
/33
): Der jung herzog rueft das recht an, sprach an das herzogtumb Bairn.
Siegel u. a., Salzb. Taid.
156, 32
(smoobd.
, Hs. 1585
): so mag der pfender umb recht anrüefen und das eingethon oder gepfendt viech umb den übertrib [...] beclagen.
Kollnig, a. a. O.
122, 19
; Siegel u. a., a. a. O.
161, 21
; Grossmann, a. a. O.
95, 1
; Maaler
25r
; Schwartzenbach
B vjr
; Bad. Wb.
1, 59
; Schwäb. Wb.
1, 249
; Schweiz. Id.
6, 699
; Rwb
1, 705
.5.
›etw. (z. B. einen Frieden) ausrufen, proklamieren‹; zu
2
rufen
5.Bedeutungsverwandte:
vgl. ansagen
Belegblock:
Chron. Augsb.
2, 291, 10
(schwäb.
, Hs. 16. Jh.
): da kam der künig von Behem [...] und ließ ain frid anrüefen
(zur Interpretation der Stelle vgl.
Schwäb. Wb.
1, 245). Rwb
1, 705
.